JEVER - Schulleiter Jan Zimmermann und die Lehrer, die die Oberstufenarbeit am Fachgymnasium der Berufsbildenden Schulen (BBS) Jever koordinieren, mussten in den vergangenen Tagen viele klärende Telefongespräche führen. Eltern beschwerten sich, dass ihr Kind keinen Platz bekommen hat – auch wenn es mit ordentlichen Zensuren den erweiterten Realschulabschluss geschafft hat.
„Wir sind betroffen, das ist eine Situation, die wir uns nicht gewünscht haben“, betonten Zimmermann und seine Stellvertreterin Werngard Wölbern auf Nachfrage derNWZ
. Gleichzeitig bitten sie um Verständnis: „Wir haben unsere Kapazitäten ausgeschöpft – einen solchen Ansturm wie in diesem Jahr können wir gar nicht bewältigen.“Die neue gymnasiale Jahrgangsstufe 11 ist an der BBS fünfzügig, zehn Klassen bräuchte die Schule allerdings, um alle Interessenten aufnehmen zu können. Auf die 130 freien Plätze in den Fachgymnasien „Wirtschaft“ sowie „Gesundheit und Soziales“ haben sich dieses Jahr 289 Schüler beworben – ein Rekord, der laut Zimmermann zwar für die Beliebtheit der Schule spricht, sie gleichzeitig aber auch in ein großes Dilemma stürzt.
Für die Verteilung der Plätze an den Fachgymnasien gibt es im Schulgesetz klare Vorgaben. Grundsätzlich können Schülerinnen und Schüler mit einem erweiterten Realschulabschluss beziehungsweise mit der Versetzung in die gymnasiale Oberstufe (nach Klasse neun oder zehn der allgemeinbildenden Gymnasien) aufgenommen werden.
Gibt es – wie jetzt in Jever – mehr Bewerber als Plätze, entscheiden die Noten. Eignung und Leistung werden anhand der Zensuren, der der so genannten Kopfnoten für Arbeits- und Sozialverhalten und der unentschuldigten Fehltage bewertet.
Notendurchschnitt
Das Problem dabei für die Schüler: Je höher die Zahl der Bewerber ist, desto besser müssen die Zensuren sein. Diese Regel greift derzeit auch an der Berufsschule Jever und sorgt dafür, dass etliche Schüler trotz eines erweiterten Realschulabschlusses abgelehnt werden mussten, weil die Aufnahmekriterien nicht erfüllt wurden.
Neben den grundsätzlichen Aufnahmekriterien gibt es einige Sonderregelungen. So muss die Schule Plätze reservieren für Bewerber, deren Ablehnung eine besondere Härte darstellen würde, für Bewerber, die im Vorjahr bereits abgelehnt wurden und nun einen zweiten Versuch wagen, sowie für Wiederholer.
Die von verärgerten Eltern gegenüber derNWZ
geäußerte Vermutung, dass viele Gymnasiasten, denen die Oberstufe zu schwer wird, ins Fachgymnasium wechseln und so Real- und Hauptschülern mit entsprechenden Qualifikationen den weiteren Schulweg verbauen, weist Jan Zimmermann kategorisch zurück: Seine Schule beschränke den Anteil an Wechslern vom Gymnasium bereits auf 10 bis 15 Prozent. In diesem Jahr seien zudem weniger ehemalige Gymnasiasten aufgenommen worden als in den Vorjahren. Ganz verschließen wolle und dürfe er dieser Bewerbergruppe seine Schule aber nicht, betont Zimmermann: „Schließlich haben auch Gymnasiasten das Recht, sich für den Besuch einer Oberstufe mit beruflicher Spezialisierung zu entscheiden.“„Weg nicht leichter“
Der vermeintlich „leichtere Weg“ zum Abschluss über die Berufsbildenden Schulen sei im Übrigen ein Märchen: „Unsere Schüler müssen sich wie alle anderen dem Zentralabitur stellen“, betont Zimmermann.
Über die Gründe für den Ansturm könne er nur spekulieren. Zum einen sei er wohl ein Hinweis auf den guten Ruf der Schule. Zum anderen sei er eine Folge des über Jahre politisch und gesellschaftliche forcierten Anspruchs, vor dem Start ins Berufsleben einen möglichst hohen Schulabschluss anzustreben.
Hier sieht Zimmermann Handlungsbedarf: „Vielen Schülern und Eltern ist noch nicht klar, dass der drohende Fachkräftemangel enorme Chancen für junge Leute auf dem Ausbildungsmarkt bietet.“ Wer später dann noch an die Fachhochschule oder Uni will, könne sich dann auch über eine abgeschlossene Berufsausbildung fürs Studium qualifizieren.
Für jeden Bewerber, der keinen Platz am Fachgymnasium in Jever bekommen hat, ist die Entscheidung bitter.
Der Schule ist aber kein Vorwurf zu machen: Wenn mehr Bewerber da sind als Plätze, muss ausgewählt werden. Dass das hier nach dem Leistungsprinzip geschieht, ist ein im Berufsleben – auf das die Schule ja vorbereiten soll – übliches Verfahren.
Der Ansturm auf die Fachgymnasien sollte aber allen Bildungspolitikern zu denken geben. Offenbar ist die berufsspezifischere Ausbildung in den Fachgymnasien für viele junge Menschen attraktiver als ein Besuch des klassischen Gymnasiums, das sich eher noch an alten humanistischen Bildungsidealen orientiert.
Zudem könnte das „Turbo-Abi“ an den allgemeinbildenden Gymnasien ein Grund für die Attraktivität der Fachgymnasien sein: Zwar werden dort die gleichen Prüfungen abgelegt – die Schüler haben aber ein Jahr länger Zeit, die Lernziele zu erreichen.
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