Jever - Der Blick auf einen 71 Meter hohen Eisberg zu Beginn und am Ende herrliche Aufnahmen vom „ewigen Eis“ mit Sonnenuntergängen, Nebelwänden und gigantischen Eisflächen: Der jeversche Chirurg Dr. Thomas Scholl hat mit seinem Vortrag über seine Zeit als Schiffsarzt auf dem Forschungsschiff „Polarstern“ seine Zuhörer restlos begeistert. Der Andrang war so groß, dass noch Stühle in den Anton-Günther-Saal geschafft werden und Tische als Sitzgelegenheit herhalten mussten.
Mit der „Polarstern“, 1982 von der Howaltswerke Deutsche Werft Kiel AG als Eisbrecher konzipiert und gebaut, schuf die Bundesrepublik Deutschland die technischen Voraussetzungen für langfristiges wissenschaftliches Engagement des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts in den Polargebieten. Bis zu 50 Wissenschaftler, davon auch einige aus dem Ausland, forschen in den Bereichen Biologie, Geologie, Geophysik, Glaziologie, Chemie, Ozeanographie und Meteorologie.
Die vier 4800 PS-Dieselmotoren verleihen dem Schiff eine Geschwindigkeit von ca. 29 Stundenkilometern und verbrauchen 30 Tonnen Diesel. Das Schiffs-Multitalent ist mit einer Länge von 118 Metern, Breite 25 Meter, Tiefgang 11 Meter und einer maximalen Seezeit von 75 Tagen das leistungsfähigste Forschungsschiff der Welt.
Er wollte sein Berufsleben mit etwas Schönem abschließen, berichtete Scholl: Er war unzufrieden mit der Kassenmedizin, die die Ärzte überreguliere. Deshalb beschloss er, seine jeversche Praxis aufzugeben und als Schiffsarzt anzuheuern.
Dafür hatte er bereits für zehn Tage auf der „Aida“ ins Schiffsarzt-Dasein hineingeschnuppert – doch das war nicht, was er wollte. So bewarb er sich auf den Forschungsschiffen „Sonne“, „Meteor“ und „Polarstern“ des Alfred-Wegener-Instituts. Am 22. August 2015 erhielt er die Zusage und am 1. Dezember heuerte er in Kapstadt auf der „Polarstern“ an.
„Schiffsarzt zu sein ist eine äußerst verantwortungsvolle Aufgabe, da sich das Schiff lange Zeit weit entfernt von der Zivilisation, aufhält und in Notfällen Verletzte in der Regel nicht ausgeflogen werden können“, erzählte Scholl. Als einziger Arzt an Bord war er Anästhesist, Zahnarzt, Kardiologe, HNO-Arzt, Chirurg und Apotheker. Auch Laboruntersuchungen und die Sorge für Hygiene und Wasserqualität gehörten zu seinen Aufgaben.
Als Krankenstation standen ihm ein Behandlungszimmer, zwei Krankenzimmer und ein OP zur Verfügung. Über eine Satellitenverbindung besteht bei Operationen Kontakt zum Klinikum Reinickenheide in Bremerhaven. „Der Arzt dort bekommt die Daten des Anästhesiemonitors, der Herz- und Kreislauffunktion und Atmung angezeigt und kann bei der Narkoseführung beratend zur Seite stehen“, erzählte er.
Mit Scholls Vortrag endete die Winterreihe der Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft Umweltschutz (WAU).
