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NWZonline.de Ratgeber Beruf & Bildung

Psychologe äußert sich zu Kita-Entscheidung

23.01.2020
Frage: Die Entscheidung der Katholischen Kindertagesstätte St. Marien in Sevelten, in diesem Jahr keine Karnevalsfeier zu veranstalten, hat über Cappeln hinaus für viele Diskussionen gesorgt. Haben die Erzieherinnen richtig gehandelt?
Mienert: Aus meiner Einschätzung heraus ist die Entscheidung richtig und fachlich begründet. Ich habe mit den Erzieherinnen diskutiert und weiß, dass die Aufregung zu erwarten war, weil der Karneval in der Region eine sehr tiefe Bedeutung hat. Und für viele Erzieherinnen und auch Eltern ist so eine Entscheidung sicherlich erstmal nicht nachvollziehbar. Aber aus fachlicher Sicht – und ich spreche als Entwicklungs- und Pädagogischer Psychologe – würde ich unbedingt empfehlen, im Krippen- und Kindergartenalter keinen Karneval zu feiern.
Frage: Was ist denn das Problem?
Mienert: Das Problem sitzt in der Entwicklung der Denk- und der Wahrnehmungsfähigkeit von Kindern. Wir überschätzen selbst Dreijährige, was die Wahrnehmung von sozialen Situationen und anderen Personen betrifft. Dreijährige haben große Probleme, Menschen wiederzuerkennen, wenn sich ihre äußere Gestalt ändert. Wenn sich zum Beispiel die Frisur ändert, oder sie auf einmal eine Brille tragen. Denn das sind die Merkmale, an denen sich Kinder bei der Wiedererkennung von Personen orientieren. Der Stress für die Kinder ergibt sich beim Karneval nicht daraus, dass sie selbst verkleidet sind, sondern dass sie niemanden wiedererkennen. Sie kommen also in eine Situation, dass sie die Erzieherinnen und die anderen Kinder nicht wiedererkennen. Und als zusätzlicher Stress kommt beim Karneval ja noch hinzu, dass auch die Situation für die Kinder nicht wiederzuerkennen ist. Sie können sich also auch nicht an Strukturen und Abläufen orientieren. Die Kinder erleben das als Stress.
Frage: Nun sagen viele Eltern, ihnen hätte das auch nicht geschadet und früher wäre das überhaupt kein Thema gewesen.

Experte für frühkindliche Entwicklung

Malte Mienert (44) ist als Professor an der Swiss School of Management mit Sitz in Bellinzona (Schweiz) für das Studienprogramm Frühkindliche Bildung zuständig.

Bei einer Fortbildung hatte Mienert den Erzieherinnen in Cappeln zum Verzicht auf die Karnevalsfeier geraten.

Im Jahr 2004 war Mienert mit 29 Jahren als jüngster Professor Deutschlands auf die Juniorprofessur Entwicklungs- und Pädagogische Psychologie an die Universität Bremen berufen worden.

Von 2015 bis 2017 war er an der International Teaching University of Georgia (USA) zuständig für die Entwicklung von Studiengängen im Bereich Frühkindliche Bildung am Institut für Internationale und Europäische Studien.

Mienert: Als Entwicklungspsychologe habe ich mit solchen Argumenten große Probleme. Die Eltern sind frei in ihrer Entscheidung und können mit ihren Kindern selbstverständlich Karneval feiern. Aber eine pädagogische Einrichtung ist aufgefordert, nach wissenschaftlichen Erkenntnissen vorzugehen und darf sich nicht auf „es hat nicht geschadet“ berufen.
Frage: Sind Kinder heute anders, oder war das Problem früher nur unbekannt?
Mienert: Die Aufmerksamkeit für dieses Phänomen ist größer geworden. Null- bis Dreijährige können sich an diese Zeit später nicht erinnern. Wir nennen das frühkindliche Amnesie. Das heißt, Erwachsene, die heute diskutieren, wissen selbst nicht, wie sie das in dem Alter erlebt haben. Sie sind daher auf die Schilderungen von anderen angewiesen. Und die Eltern der Eltern von heute hätten vermutlich auch gesagt, dass ihnen das nicht geschadet hat. Daraus ergibt sich die Verantwortung der Erwachsenen, die mit Kindern arbeiten, dies zu berücksichtigen.
Frage: Nun hat der Cappelner Kindergarten entschieden, dass es zwar keine Party gibt, sich die Kinder aber trotzdem verkleiden dürfen.
Mienert: Da wurde ein schlechter Kompromiss gemacht. Das Problem ist nicht die Party und nicht die laute Musik, sondern die Konfrontation mit völlig fremden Personen. Ich habe als Kompromiss vorgeschlagen, mit Kindern ab vier Jahren zu feiern wenn sie das möchten, ihnen aber auch die Möglichkeit zum Rückzug zu geben, wenn sie an der Veranstaltung nicht teilnehmen möchten. Karneval soll aus meiner Sicht Spaß und Freude machen. Wenn nur fünf oder sechs Kinder in der Einrichtung das als stressreichen Tag erleben, dann erschließt sich mir der Gedanke des Karnevals nicht mehr.
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Jörg Jung Redakteur / Regionalredaktion
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