Wildeshausen - Plötzlich um Jahre jünger: Für viele Menschen wäre das ein Traum. Für Städte und Gemeinden jedoch, deren Identität auf ihrer Historie fußt, ist das keine schöne Vorstellung. Die Gemeinde Emsbüren im Emsland muss derzeit ihre eigene Geschichte umschreiben. Könnte das auch Wildeshausen bevorstehen?

In Emsbüren plante man bereits die große 1200-Jahr-Feier der Kirchengemeinde für das Jahr 2019. Bis die Arbeit eines Wissenschaftlers alles über den Haufen warf. Denn der Bonner Historiker Theo Kölzer hatte eine Urkunde Ludwigs des Frommen, in der die Emsbürer Gemeinde im Jahre 819 vermeintlich das erste Mal erwähnt wurde, als Fälschung entlarvt. Der nächste schriftliche Nachweis stammt aus dem Jahr 1181. Die Kirchengemeinde war damit auf einen Schlag 362 Jahre jünger. Auch in Hildesheim, Hamburg oder Verden gab es solche Fälle.

Wohl bemerkt, die sogenannte Visbeker Urkunde wurde nicht aktuell, sondern bereits vor hunderten von Jahren gefälscht. „Es ging um Besitzansprüche“, erklärt Eva-Maria Ameskamp. Sie ist wissenschaftliche Dokumentarin des Bürger- und Geschichtsvereins Wildeshausen und hat diesen interessanten Fall natürlich verfolgt. „Mit dem Dokument wollte man dem Kloster Visbek gewisse Rechte einräumen.“

Solche Fälschungen waren im Mittelalter gar nicht so unüblich. Zumal sich Besitzansprüche auf Papier zu der Zeit überhaupt erstmal etablieren mussten, wie Ameskamp erklärt. „Es gab auch Zeiten, da ging der Besitz von einer auf die andere Person über, indem man sich zum Beispiel zusammen ans Feuer setzte.“

Steht Wildeshausens Geschichte womöglich auch auf wackeligen historischen Beinen? Davon geht Ameskamp nicht aus. Die erste schriftliche Erwähnung Wildeshausens findet sich in der Translation Sancti Alexandri (siehe Infokasten). Darin geht es um einen Bericht aus dem Jahr 850. „An der Echtheit gibt es bislang keine Zweifel.“

Dennoch ist auch Wildeshausen nicht gefeit vor historischen Ungenauigkeiten. Ameskamp verweist zum Beispiel auf das Gründungsdatum der Schützengilde, das einst auf 1403 gesetzt wurde. „Dafür gibt es aber keine schriftlichen Belege“, sagt Ameskamp. Es geben eben allgemein den Wunsch, solche Daten festzulegen. „Die Leute brauchen einen Fixpunkt.“

Bislang zweifelsfrei in den Büchern steht übrigens die Erteilung der Stadtrechte an Wildeshausen aus dem Jahr 1270. In drei Jahren ist das 750 Jahre her. Und wenn bis dahin kein Historiker Einspruch erhebt, soll das natürlich auch gebührend gefeiert werden.

Patrick Buck
Patrick Buck Redaktion Oldenburg (Stv. Leitung)