Friesoythe - Eine Einladung zum Geburtstag, eine Postkarte, ein kurzer Zeitungsartikel, eine SMS – kleine Texte zu lesen, ist für die meisten eine leichte Übung. Doch nicht für jeden: Über 758 Millionen Menschen über 15 Jahre können weltweit nicht lesen, teilte die Unesco anlässlich des Welttags der Alphabetisierung an diesem Donnerstag mit.
Und auch in Deutschland gibt es mehr als 7,5 Millionen funktionale Analphabeten. Das bedeutet: Sie können nur einzelne Sätze richtig lesen und schreiben. Wenige Wörter seien meist kein Problem, schildert Elisabeth Nordlohne vom Pädagogischen Förderinstitut Friesoythe. Bei mehreren Sätzen aber werde es stockend: „Sie müssen sich sehr konzentrieren, um die Wörter zu entschlüsseln.“ Das führe dazu, dass sie den Inhalt des Gelesenen nicht so gut verstehen wie flüssige Leser.
Keine Aufstiegschancen
Dass es so viele funktionale Analphabeten gibt, liege an der fehlenden Übung und Therapie, sagt Anita Faske vom Katholischen Bildungswerk Friesoythe. „Manche Menschen brauchen einfach länger“, sagt Johanna Albers, die seit fast 30 Jahren mit Faske kostenlose Kurse für Menschen mit Lese- und Schreibschwächen anbietet.
Sobald sie dann aus der Schule raus sind, vermeiden sie das Lesen – schließlich sei es mit „negativen Gefühlen und Frustration“ verbunden. „Viele erwerben dann Strategien, um das Lesen zu umgehen“, berichtet Faske. Der Grund liegt auf der Hand: „Sie schämen sich“, erklärt Nordlohne. Wer nicht lesen und schreiben könne, werde schnell für dumm gehalten. Dem ist aber beileibe nicht so.
„Viele Analphabeten erlernen handwerkliche Berufe, und sind da auch oft gut“, sagt Nordlohne. Doch Aufstiegsmöglichkeiten, wie eine Teamleiterposition, können sie dann meist nicht wahrnehmen, da sie keine Berichte schreiben oder Aufträge lesen können.
„Wir sind von Wörtern und Sprache umgeben, wir brauchen Lesen“, bekräftigt Albers. Wer nicht lesen kann, fühle sich unsicher und unwohl, ziehe sich zurück. Dabei könne wirklich fast jeder Lesen lernen, betont Nordlohne.
Selbstvertrauen wichtig
„Wichtig ist, dazu zu stehen, zu erkennen, dass man keine Schuld an seiner Leseschwäche hat, und, dass es nicht zu spät ist“, sagt Faske. Es helfe sehr, den Betroffenen Mut zuzusprechen, und sie eventuell zu Lesekursen zu begleiten. „Wenn sie bei uns merken, dass andere dieses Problem auch haben, kommt oft der Eifer“, meint Albers, „und gemeinsam macht das Lesenlernen dann viel Spaß.“
