Oldenburg - Manche Ereignisse brennen sich tief ins Gedächtnis ein: Der Sturm am 13. November 1972 war für viele Oldenburger so ein Erlebnis. Es gab Schülerinnen an der Liebfrauenschule oder etwa an der Realschule Margaretenstraße, die am Vormittag in oberen Stockwerken aus den Fenstern nach Osten schauten und sich verwundert die Augen rieben: Wo war plötzlich der hohe Turm der Peterkirche? Der Orkan hatte ihn gekippt, als wäre er ein Leichtgewicht. Und in den darauffolgenden Wochen sollte die fehlende Kirchturmspitze wie ein Wahrzeichen für diesen Sturm an die schlimmste Wetterkatastrophe jener Zeit seit der Sturmflut 1962 erinnern. Zwar gab es in Oldenburg Millionenschäden an Gebäuden, Autos, im Schlosspark, an Wasserwerken und auf den Straßen, aber von den 23 Todesopfern im Norden kam keines aus der Stadt. Einen Tag nach dem Sturm bezifferte der spätere Stadtbaurat Hans-Martin Schutte den Schaden bereits auf „eine sechsstellige Summe“.
Um die 80 Knoten Windgeschwindigkeit wurden am 13. November 1972 auf dem Fliegerhorst gemessen, auf dem es damals noch eine Wetterstation gab. Diplom-Meteorologe Rüdiger Greif sprach gegenüber der NWZ von bis zu 160 Stundenkilometern Spitzengeschwindigkeit und mit einem Wert von 958 Millibar dem tiefsten Druck, den er seit 15 Jahren auf dem Fliegerhorst gemessen hatte. Nach dem Durchzug einer Warmfront am 13. November, die von einem Gewitter begleitet worden war, stieg der Luftdruck um zwölf Millibar. Was Greif als ungewöhnlich interpretierte. Allein auf dem Fliegerhorst waren 15 Hallen abgedeckt worden und Startbahnmarkierungen verschwunden.
Die meisten Schulkinder wurden an jenem Tag am Vormittag wieder nach Hause geschickt. In der Realschule Eversten, der Schule am Flötenteich, den Schulen in Bümmerstede und Bloherfelde, der Graf-Anton-Günther-Schule und auch an der Universität fehlten mehrere Quadratmeter Dachpfannen. Im Verfügungsgebäude (VG) der Universität prasselten Steine aus den Zwischendecken auf die umliegenden Parkplätze und zerbeulten dort die abgestellten Autos.
Der Westen und der Norden der Stadt mussten stundenlang auf Wasser verzichten, denn ein Stromausfall legte die Pumpen der Wasserwerke Donnerschwee und Alexandersfeld lahm. In den Krankenhäusern sprangen die Notstromaggregate an, damit in den Operationssälen gearbeitet werden konnte. Auch die Wärmebettchen in der Frühchenstation wurden mit Notstrom versorgt.
Reisende mussten sich in Geduld üben oder blieben gleich zu Hause: Züge fielen aus, so war etwa in Ofenerdiek das Dach der Großmarkthalle auf den Gleisen gelandet. Pekol-Busse mussten ihre Touren einstellen, da herumfliegende Dachziegel ihnen die Scheiben einschlugen.
Rund um die Uhr im Einsatz waren die 200 Männer der Berufsfeuerwehr und der Freiwilligen Feuerwehren, des Technischen Hilfswerkes, der Johanniter und der Katastrophenschutz-Abteilung.
Bis zum Abend des 13. Novembers vermerkte die Leitzentrale mehr als 160 Einsätze. Geholfen werden musste beim Bergen, beim Absperren und Aufräumen. Außerdem zählte die Polizei, die an jenem Tag besonders gefordert war, zu den Hauptgeschädigten: ein Teil des Dachstuhls am Polizeigebäude Heiligengeistwall wurde zerstört, ein Mannschaftswagen aus Bloherfelde und ein Funkwagen gingen zu Bruch.
Viele Bäume, darunter ein 116 Jahre alter Riesenmammutbaum aus dem Schlossgarten, wurden von den Böen geknickt wie Streichhölzer.
Einen Tag später musste eine sechsköpfige Familie in der Kennedystraße untergebracht werden, deren Dach war komplett durchlöchert. Für eine neunköpfige Familie wurde kein Ersatzquartier gefunden, berichtete das städtische Wohnungsamt.
Abgesperrt blieben Fuß- und Radweg vor der katholischen Peterkirche, wo der abgeknickte Turm auf das Kirchenschiff gefallen war. Brüderlich bot die evangelische Garnisonkirche ihr Gotteshaus für die Messen an. Der Turm wurde erst ein Jahr später wieder aufgebaut, aus Kostengründen aber um 14 Meter gekürzt.
