Edewecht - Früher war eine Ausbildung zur Erzieherin noch das erklärte Ziel vieler Schulabgängerinnen. Die Arbeit mit dem Kind war ein gesellschaftlich angesehener und den Anforderungen entsprechend bezahlter Beruf. Heute entscheiden sich immer weniger Schulabgänger für diesen Beruf. In einem Gespräch mit der NWZ haben Leiterinnen verschiedener Kindergärten der Gemeinde Edewecht berichtet, warum der Beruf immer unbeliebter geworden sei und warum von einem regelrechten Fachkräftemangel gesprochen werden könne.
Unbezahlte Ausbildung
„Im Gegensatz zu vielen anderen Berufen ist das Verhältnis zwischen der Arbeitsleistung und der Bezahlung bei uns Erziehern sehr unausgeglichen“, berichtet Heike Barenbrügge, Leiterin der Kindertagesstätte Edewecht. Das beginne schon in der Ausbildung. Die dauere vier Jahre und sei in der Regel unbezahlt, da es sich um eine schulische Ausbildung handele. Azubis, die keine finanzielle Unterstützung, zum Beispiel von ihren Eltern, erhielten, müssten sich mit Nebenjobs über Wasser halten.
„Wer ausgelernt ist, kann von seinem Gehalt keine Familie ernähren“ ergänzt Stefanie Kühl, Leiterin der Kindertagesstätte Lüttefehn in Friedrichsfehn. Die vier „mageren“ Ausbildungsjahre würden nicht mit einem höheren Einstiegsgehalt ausgeglichen. Würde ein Erzieher den Arbeitgeber wechseln, könne dieser den Angestellten für das Gehalt eines Berufseinsteigers einstellen, sagt Monika Lange, stellvertretende Leiterin der Kita Edewecht. Die Berufserfahrung spiele bei der Gehaltsfrage oft keine Rolle.
Dabei sei die Ausbildung anspruchsvoll. „Wer Erzieher werden will, muss viel lernen“, weiß Elisabeth von Minten, Leiterin des Kindergartens Friedrichsfehn. Eine Erzieherin sei keine „Basteltante“ , die die Kinder bespaße, bis die Eltern ihren Nachwuchs abholen würden.
„Wir müssen die Kinder in kurzer Zeit fit für die Schule machen“, erklärt sie weiter. Das bedeute zum Beispiel, den Jungen und Mädchen Benimmregeln wie Tischsitten oder angemessenes Verhalten beizubringen. Wichtig sei auch, kognitive oder motorische Auffälligkeiten festzustellen. Dazu komme ebenfalls die Gesundheitserziehung in Bezug auf Ernährung und Bewegung.
„Seit Einführung des Kita-Gesetzes müssen wir uns auch um ganz junge Kinder ab einem Jahr kümmern. Das sind Tätigkeiten, für die viele Erzieherinnen nie ausgebildet wurden“, so Heike Barenbrügge. Erst jetzt würden Fachschulen damit beginnen, Krippenpädagogik in die Unterrichtspläne aufzunehmen.
Freude am Beruf
Mit Herzblut bei der Sache ist trotz alledem Sandra Ruseler. Seit 2013 ist die 27-Jährige als Erzieherin in der Kindertagesstätte Edewecht angestellt. „Ich komme gerne zur Arbeit. Besonders schön ist es für mich, die Kinder ein Stück auf ihrem Lebensweg zu begleiten“, berichtet sie über ihren Beruf, der ihr viel Freude bereite. Auch sie musste während der Ausbildung nebenbei als Babysitterin arbeiten, um über die Runden zu kommen. Viele ihrer Azubi-Kolleginnen hätten die belastende Ausbildung abgebrochen, sagt sie.
„Die Ungleichheit zwischen Anforderungen und Bezahlung muss entschärft werden, wenn wir junge Menschen motivieren wollen, Erzieher zu werden“, sagt Heike Barenbrügge. „Wir haben eine hohe Verantwortung gegenüber Kindern, Eltern und Gesellschaft. Fehler, die wir machen, müssen wir in der Zukunft teuer bezahlen. Deshalb brauchen wir mehr Fachkräfte.““
