Oldenburg - Klingt schön. Mystele Tendonge, französisch ausgesprochen. Mystele war sechs, als sie nach Deutschland kam, aus Kamerun. Es ging auf den Winter zu. Mystele sagt: „Es war mein erster Schnee, und ich fand es wunderbar.“ Seitdem hat die 15-Jährige diverse Winter in Oldenburg erlebt – und die dunkle Jahreszeit, Kälte und Schnee sind so ungefähr das einzige, was sie nicht mehr ganz so schätzt. „Kamerun, das ist Sonne, Sonne, Sonne“, sagt sie in den tristen Novemberabend hinein und lacht.
Oldenburgerin geworden
Ansonsten ist die Cäcilienschülerin, die zwei Brüder und eine Schwester hat, sehr gut angekommen – leben in Bloherfelde, baden in Bornhorst, Badminton beim VfL, HipHop und Freunde treffen, scharfe Kamerun-Küche, aber auch Schnitzel und Klöße. Seit kurzem ist Mystele Stipendiatin des bundesweiten Start-Programms, ausgezeichnet von Kultusministerin Frauke Heiligenstadt in der Akademie des Sports in Hannover.
Denn die Oldenburgerin hat klasse Noten, vor allem in den Naturwissenschaften und Sprachen. Sie gibt Französisch- und Mathe-Nachhilfe im Cäci-Sozialprojekt „Schüler helfen Schülern“, und sie hat von ihren Lehrern tolle Referenzen für ihre Start-Bewerbung bekommen. Ein Ziel hat sie auch: „Ich möchte gern Maschinenbau studieren, als Duales Studium im Auto- oder Flugzeugbau.“
Bis zum Abitur wird die Zehntklässlerin nun, wie die zehn anderen Landes-Stipendiaten mit Migrationshintergrund aus Niedersachsen, von „Start“ unterstützt: u.a. mit 100 Euro Bildungsgeld im Monat, Laptop, Internet, Seminaren, Kulturveranstaltungen und Praktika. Dahinter steht die Hertie-Stiftung, mit vielen anderen großen Stiftungen, auch OLB und das Kultusministerium sind dabei.
Mystele kommt aus Nkongsamba (115 000 Einwohner, im Südwesten Kameruns). Ein großer Teil ihrer Familie verdient sein Geld auf dem Markt. Pfeffer, Kakao, Kaffee, Bananen und Ananas wachsen hier. Doch Mysteles Großvater hatte für ihren Vater einen anderen Weg geplant: nach Europa. Aber der Großvater starb viel zu früh, als der Sohn gerade 16 war. „Deshalb hat das nicht geklappt“, sagt Mystele. Doch ihr Vater vergaß den Plan nicht: Mit 28 Jahren ging er nach Deutschland. „Er hat sich zuerst auf die Sprache konzentriert“, erzählt Mystele. „Dann hat er einen Ausbildungsplatz als Großhandelskaufmann bei Carl Wilh. Meyer an der Ammerländer Heerstraße bekommen, wo er noch heute arbeitet – als er den hatte, hat er uns geholt.“
Guter Start
Mystele sagt: „Der Abschied von unserer Oma und den Verwandten war traurig. Aber ich habe auch gedacht ,whaooo!’ Wenn man in Afrika das Wort Deutschland hört, denkt man, dort werden die Träume wahr.“ Dabei hatte sie kaum genaue Vorstellungen. „Ich war sechs und dachte zum Beispiel, dass ,Weiße’ so weiß sind wie Papier. Ich hatte ja noch gar keinen gesehen.“
Aber es lief gut, und Mystele fand ihren Weg. Dabei haben ihr viele geholfen: „Die Leute waren von Anfang an nett zu mir, es gab immer Menschen, die sich um einen gekümmert haben“, erinnert sie sich an die Anfänge in der Heiligengeisttorschule. Bis heute ist sie glücklich über den Schritt. Einer von vielen Gründen: „Die Schulbildung und all die Möglichkeiten, das ist großartig in Deutschland.“ Allein der Zusammenhalt der Familien, das ausgeprägte Miteinander, und eben die Sonne, da sei Kamerun einfach schwer zu schlagen.
