Für viele Kinder und Jugendliche ist das internetfähige Handy inzwischen zu einem alltäglichen Gebrauchsgegenstand geworden. Wo sehen Sie die Gefahren?
Jens WiemkenDas Problem ist, dass viele Kinder beim Schritt in diese neue Welt nicht begleitet, sondern alleingelassen werden. Sie kommunizieren, aber kennen die Regeln nicht.
Welche Regeln meinen Sie?
Jens WiemkenJugendliche nutzen ihr Handy in erster Linie, um miteinander zu kommunizieren. Und diese Kommunikation ist auch wichtig, um sich vom Elternhaus abzulösen. Früher gab es dafür die Sprache und die Möglichkeit, Briefe zu schreiben. Heute gibt es viele verschiedene Kommunikationskanäle. Die Kinder müssen wissen, welche Inhalte sie über Facebook, YouTube oder Whatsapp verbreiten und welche Inhalte sie besser im Gespräch miteinander teilen. Es kommt vor, dass Jugendliche eine Nachricht an jemanden schicken, dem sie zu 100 Prozent vertrauen. Aber manchmal sind es doch nur 99 Prozent. Wichtig ist auch, dass die Nutzer zum Beispiel in den Whatsapp-Gruppen Regeln miteinander entwickeln. Hinzu kommt, dass die Reichweite der Inhalte, die man verbreitet, oft unterschätzt wird.
Und das wird dann vor allem bei Regelverletzungen, zum Beispiel beim Cybermobbing, zum Problem . . .
Jens WiemkenBeim Cybermobbing handelt es sich um soziale Konflikte, die es schon immer gegeben hat. Früher wurden diese Konflikte von Angesicht zu Angesicht ausgetragen. Beim Cybermobbing bleibt der Täter oft anonym. Und hier müssen die Beleidigungen zwangsläufig krasser ausfallen, um eine Reaktion auszulösen, weil mir das Feedback im direkten Gespräch fehlt. Auch Sexting, also das Verbreiten von intimen Fotos, ist inzwischen zu einem Problem geworden. Die Ursache ist auch hier die Regellosigkeit und die mangelnde Begleitung der Eltern beim Umgang mit dem Smartphone.
Es scheint, als habe sich die Kommunikation im Alltag in wenigen Jahren komplett verändert.
Jens WiemkenIn der Wissenschaft gibt es den Begriff des Antwortzwangs. Die Zeitspanne, in der ich mich genötigt fühle, auf eine Nachricht zu reagieren, wird immer kürzer. Bei einer E-Mail liegt sie bei etwa einem Tag, bei Facebook sind es 20 bis 30 Minuten, bei Whatsapp etwa 20 Sekunden. Den jungen Leuten fällt es schwer, mit diesem Erwartungsdruck umzugehen.
Sollten wir den Kindern dann nicht besser ihre Handys wegnehmen?
Jens WiemkenSmartphones sind per se nichts Schlechtes. Es ist reizvoll, immer mit vielen Menschen verbunden zu sein. Über die neuen Kommunikationskanäle können Jugendliche ein Wir-Gefühl herstellen. Ich finde auch nichts Schlimmes daran, wenn Jugendliche zusammensitzen und auf ihre Handys gucken. Das kann man mit dem vergleichen, was man früher Flüstern nannte. Das ist Altbekanntes in neuer Verpackung.
In welchem Alter sollten Kinder ein Handy bekommen?
Jens WiemkenMeine persönliche Meinung ist, dass sie es in der Grundschule noch nicht brauchen. Die ist meistens ganz in der Nähe. In den weiterführenden Schulen orientieren sich die Fünftklässler an den Älteren und stehen unter dem Zwang, cool zu sein. Gruppenbildungsprozesse laufen heutzutage größtenteils über Whatsapp ab. Wer kein Smartphone besitzt, kann hier schnell ausgegrenzt werden, es sei denn, er hat eine sehr starke Persönlichkeit. Wichtig ist aber, dass sich die Eltern ihrer Vorbildfunktion bewusst sind. Sie müssen nicht nur die Regeln vermitteln, sondern sie auch vorleben.
