NORDENHAM - Wer mit 15 oder 16 Jahren eine Entscheidung über seine berufliche Zukunft treffen soll, steht ganz schön unter Druck. Viele Hauptschüler sind mit dieser Situation überfordert, weil ihnen das nötige Vorwissen fehlt und sie ihre Fähigkeiten schlecht einschätzen können. Oft kommt auch noch ein mangelndes Selbstbewusstsein hinzu, so dass der Frustpegel nach den ersten Absagen schnell nach oben ausschlägt und die Grenze zur Resignation nicht mehr fern ist. Um diese Zwickmühle zu knacken, hat die Hauptschule Abbehausen jetzt ein neues Projekt auf den Weg gebracht. Es trägt den Titel „Werkstattschule“.

Dass der Handlungsbedarf groß ist, kann Schulleiter Christian Schöckel mit alarmierenden Zahlen schnell nachweisen: „Ende des letzten Schuljahres“, berichtet der Rektor, „fanden nur ein Fünftel unserer Schulabgänger aus den neunten und zehnten Klassen eine Lehrstelle.“ Die meisten Hauptschulabsolventen gingen leer aus und legten eine Warteschleife an der Vollzeitberufsschule ein oder meldeten sich – teils freilwillig, teils aus der Not heraus – für die zehnte Hauptschulklasse an.

Christian Schöckel wehrt sich dagegen, dass die Hauptschüler „kaputt geredet“ werden. „Unsere Schüler haben durchaus ihre Stärken“, sagt er, „besonders in der praktischen Arbeit.“ Diese Stärken sollen mit dem „Werkstattschule“-Programm bei jedem einzelnen Schüler gezielt ermittelt und gefördert werden. Schwerpunkt sind dabei handwerkliche Berufe.

Das Projekt ist auf insgesamt acht Wochen ausgerichtet und startet nach den Sommerferien für 36 Schüler der neunten Klassen. Als Partner begleitet die Beschäftigungsfördergesellschaft Zeit & Service die Berufsorientierungsmaßnahme.

Das Projekt, das jeweils 18 Schüler durchlaufen, ist in mehrere Module aufgeteilt. Zu Beginn steht eine achttägige, insgesamt 48 Stunden umfassende Interessenerkundung auf dem Plan. Unter der Anleitung eines Dozenten von Zeit & Service sollen die Schüler ihre Kompetenzen herausarbeiten und in einem Berufsauswahltest zeigen, welcher Bereich für sie am besten in Frage kommt. Anhand der Ergebnisse teilen sich die Jugendlichen in kleine Gruppen für fachpraktische Übungen auf. Dieser praxisorientierte Unterricht findet über einen Zeitraum von fünf Wochen an insgesamt fünf Tagen statt.

Auf dem Handwerkerhof in Volkers werden die Schüler zum Beispiel an die Holz- und Metallbearbeitung sowie an die Elektrotechnik herangeführt. Zur Auswahl stehen zudem die Praxisbereiche Logistik, Hauswirtschaft, Gastronomie und Gartenbau. Wer sich in diesen Berufsfeldern nicht wohl fühlt, kann in einem Extraseminar den Europäischen Computerführerschein oder kaufmännisches Grundwissen erwerben.

Es folgt ein einwöchiges Praktikum in Betrieben. Bei der Auswahl der Plätze stehen die Betreuer und Lehrer den Schülern mit Rat und Tat zur Seite. Den Abschluss bildet ein zweitägiges Seminar, in dem die individuellen Erfahrungen ausgewertet und eine „vertiefte Eignungsfeststellung“ vorgenommen werden. Mit diesem Rüstzeug sollen die Schüler etwa zwei Monate später ihr reguläres Betriebspraktikum antreten.

Die Kosten des langfristig angelegten Projekts „Werkstattschule“ belaufen sich in diesem Jahr auf 16 325 Euro. Gut die Hälfte davon übernimmt die Stadt Nordenham, den Rest teilen sich die Schule und die Agentur für Arbeit.

Für Bürgermeister Hans Francksen steht außer Zweifel, dass das Geld gut angelegt ist: „Das ist eine sinnvolle Maßnahme, die dazu beiträgt, dass die Schüler eine Perspektive bekommen.“ In diesen Zusammenhang weist der Bürgermeister auch auf den wachsenden Mangel an Fachkräften hin.