NORDENHAM - Die Rektoren sehen die Politik gefordert. Den Beteuerungen zur Stärkung der Hauptschule müssten Taten folgen.

von norbert hartfil

NORDENHAM - Rektor Wilfried Batschat kann sich an Zeiten erinnern, in denen die Hauptschule Am Luisenhof rund 50 Prozent der Orientierungsstufenabgänger aufnahm. Wenn jetzt die Kinder von der Grundschule in die fünfte Klasse übergehen, liegt der Anteil der Hauptschüler im Stadtnorden nur noch bei 33 Prozent. Der freie Elternwille bei der Wahl der weiterführenden Schulform macht der Hauptschule schwer zu schaffen. „Wenn sich dieser Trend fortsetzt“, sagt Batschaft, „wird es schwierig.“ Dann droht seiner Schule, die bis 2004 noch durchgehend drei Klassenzüge pro Jahrgangsstufe hatte, über kurz oder lang die Einzügigkeit. Und dann dauert es nicht mehr lange, bis die Existenzfrage gestellt wird. Noch schärfer tritt das Problem an der deutlich kleineren Hauptschule Abbehausen zu Tage.

Der Einswarder Schulleiter Batschat sieht die Politik gefordert, Maßnahmen gegen die Negativentwicklung zu ergreifen. „Es darf nicht nur darüber geredet werden, dass die Hauptschule aufgewertet werden soll“, sagt Batschat, „sondern es müssen endlich auch Taten folgen.“

Als ein besonderes Problem führt Batschaft den schlechten Ruf an, der „völlig zu Unrecht“ der Hauptschule anhafte. Er findet es bedauerlich, dass die Diskussion „auf dem Rücken der Kinder ausgetragen wird“. Viele Kritiker seien schlecht informiert und wüssten gar nicht, was Hauptschüler alles können.

Der Luisenhof-Rektor hält die Hauptschule für unverzichtbar, weil Kinder mit Leistungsdefiziten nur dort die erforderliche Betreuung bekämen: „Schüler, die mit den hohen Anforderungen nicht zurecht kommen, brauchen jemanden, der sie an die Hand nimmt.“ Diese Einsicht fehlt jedoch vielen Eltern. In der Folge gehen die Anmeldungszahlen zurück. Zu Beginn der Schulreform im August 2004 besuchten 441 Mädchen und Jungen die Luisenhof-Hauptschule. Inzwischen sind es nur noch 353. In den Jahrgangsstufen 5 bis 7 herrscht bereits durchgehend die Zweizügigkeit.

Einen Lösungsansatz sieht Batschat in der Schaffung von Schulzentren nach dem Vorbild der Kooperativen Gesamtschulen, an denen alle drei Schulzweige zusammenarbeiten. So gesehen ist seine Hauptschule, die sich in Einswarden unter einem Dach mit der Realschule befindet, vergleichsweise gut aufgestellt.

Der Leiter der Hauptschule Abbehausen, Christian Schöckel, vermeldet ebenfalls einen kräfiigen Aderlass bei den Schülerzahlen: von 210 auf 130 in drei Jahren. Nachdem die Schule lange Zeit „gesund zweizügig“ war, wächst jetzt die Einzügigkeit durch. Lediglich in den Jahrgangsstufen 9 und 10 gibt es noch jeweils zwei Klassen.

Schöckel geht davon aus, dass sich die Schülerzahl in Abbehausen langfristig bei 100 bis 110 einpendelt. So entstehe eine kleine Schule, die für die pädagogische Arbeit durchaus Vorteile habe. Denn bei einer überschaubaren Schülerschaft ließe sich ein „familiäres Verhältnis“ aufbauen, das eine individuelle und vertrauensvolle Betreuung ermöglicht. Auf der anderen Seite ist Schöckel sich aber auch über die Nachteile im Klaren. Er weiß, dass in einer einzügigen Schule eine Unterrichtsvielfalt nur durch erhöhten Arbeitseinsatz der Lehrer zu erreichen ist. Zudem sieht er die Gefahr, dass Landesregierung und Landkreis bei dauerhafter Einzügigkeit den Standort aus Kostengründen in Frage stellen könnten.

Von den Beteuerungen der Landesregierung, die Hauptschule zu stärken, ist laut die Schöckel bisher wenig zu spüren. Nach wie vor habe er in Abbehausen keinen Sozialarbeiter zugeteilt bekommen. Ebenso lasse die Anerkennung als Ganztagsschule mit entsprechender Ausstattung auf sich warten.

Auch der Abbehauser Rektor beklagt die Auswirkungen des freien Elternwillens. Unverhohlen spricht er von „Fehlmeldungen“ und meint damit die Kinder, die aus falschem Elternehrgeiz an höheren Schulen angemeldet werden. Viele dieser Mädchen und Jungen seien überfordert und würden nach vielen Frusterlebnissen an die Hauptschule durchgereicht, wo sie dann auch nur mit Mühe den Anschluss finden.

Warum hat die Hauptschule ein schlechtes Image? „Die Gesellschaft mag die Hauptschule nicht“, sagt Schöckel, „sie redet sie wider besseren Wissens kaputt.“ Er kritisiert die überzogenen Ansprüche von Ausbildungsbetrieben. Dabei verweist er auf das Beispiel eines Friseursalons, der von Lehrstellenbewerbern einen guten Realschulabschluss verlangt. Schöckel: „Da gibt es eine unheimliche Diskrepanz zwischen dem, was von den Lehrlingen erwartet wird, und dem, was sie bei der täglichen Arbeit tatsächlich machen müssen.“