NORDENHAM - Rudolf Matthis wirkte von 1917 bis 1954 am Gymnasium. Hermann Borchers war sein nicht immer folgsamer Schüler.

von henning bielefeld

NORDENHAM - „Ich hatte eine sehr glückliche Kindheit“, sagt Hermann Borchers. Seine verständnisvolle, aber etwas ängstliche Mutter, sein fordernder und fördernder Vater, der ihm Mutproben abverlangte, und der „Kinderfreund“ Friedrich Claus, den er als Grundschullehrer hatte: Sie alle hatten ihn geprägt, als er zehnjährig nach den Osterferien des Kriegsjahres 1939 zum Gymnasium kam.

Sein Vater war Hauptlehrer an der zweiklassigen Tossenser Schule, und in seine Fußstapfen wollte Hermann Borchers treten. Der Musiklehrer Ernst („Ernie“) Klöpfer, der Deutschlehrer Fritz Eissel und der Chemielehrer Dr. Naber – letzter wegen seiner schönen Sprache – prägten ihn. Doch als schicksalhaft sieht der heute 76-Jährige die Begegnung mit einem anderen Pädagogen an: dem Kunsterzieher Rudolf Matthis (1888 bis 1976), der 37 Jahre lang am Gymnasium wirkte.

Positiv beeindruckte ihn Matthis’ Strenge, die unbedingte Ernsthaftigkeit, mit der er seinem Kunstbegriff huldigte. Legendär sind die Kunststunden am Strand, in denen die Schüler Bäume zeichnen mussten. Borchers lernte: Durch Zeichnen meditiert man und lässt die Natur in sich hinein. Und er schulte sein Wahrnehmungsvermögen für Formen und Farben.

Schon früh hatte er sich als Ordner im Zeichensaal gemeldet. Er musste den Mitschülern die Zeichensachen auf den Tisch legen – und er durfte das Allerheiligste betreten: Matthis’ Kabuff, jenen geheimnisvollen Raum hinter der Wandtafel, der normalsterblichen Schülern verborgen blieb. „Hier standen seine Bilder, die er vor der Natur gemalt hatte, seine Portraits und seine Stillleben“, schmunzelt Borchers andächtig. „Ich konnte ihren Entstehungsprozess miterleben, wusste, wo er angefangen und wo er weitergemacht hatte. Da habe ich ganz viele Impulse empfangen.“

Negativ an Matthis empfindet Borchers seine Ungerechtigkeit und seinen verkürzten Kunstbegriff. Die klassische Moderne war an diesem Kunsterzieher vollkommen vorbeigegangen. Matthis habe sie, ganz wie das NS-Regime, als „entartet“ empfunden. Seine Werke habe er auch im „Haus der deutschen Kunst“ in München ausgestellt, berichtet Borchers.

Dennoch war Matthis kein Nazi, wie er durchblicken ließ. „Das NS-Regime war ein Liebhaber seiner Kunst, aber er war kein Liebhaber des NS-Regimes“, fasst Borchers Matthis’ Lage zusammen.

Anders Borchers selbst: Er identifizierte sich mit der damaligen Ideologie, rückte zum Jungstammführer des Jungvolks in Butjadingen auf und träumte davon, noch an die Front zu dürfen. Wegen seiner politischen Tätigkeit steckten ihn die Kanadier ins Jugendgefängnis. „Sie haben Ihren Sohn zu Blut und Ehre erzogen“, sagte ein Offizier seiner Mutter. Sie antwortete: „Dann müssen Sie mich einsperren.“ Am nächsten Tag war Borchers frei. Der Sieg des Arguments über die Macht beeindruckte ihn, auch wenn die Niederlage des Dritten Reiches noch schmerzte.

1948 legte er sein Abitur ab, studierte bei Professor Reinhard Pfennig an der Pädagogischen Hochschule Oldenburg Kunst und lernte, alte und neue Kunst gemeinsam als Grundlage des Kunstunterrichtes zu verstehen. Er wurde Kunsterzieher an der Realschule – auch dort hatte der Zeichensaal ein Kabuff – und überdachte seinen Kunstbegriff nochmals: Es genüge nicht, die Prinzipien der etablierten Kunst zu vermitteln, Kunst müsse aus der jeweiligen Gegenwart heraus entwickelt werden. Dafür warb er mit Erfolg auch bei Kunsterzieher-Tagungen.

Als seine größten Erfolge wertet Hermann Borchers seine Teilnahme an der Biennale in Venedig 1970 und seinen entscheidenden Anstoß zur Rettung der Jahnhalle 1978. Beides, sagt er, wäre ohne Rudolf Matthis, seinen direkten Einfluss und die gegenteiligen Tendenzen, die er auslöste, nicht denkbar.