NORDENHAM - In der Schule von Kersingnané ist es eng. So eng, dass selbst für schmale Durchgänge zwischen den Bänken kein Platz mehr ist. Rund 100 Kinder werden in diesem Anbau aus Lehm, Schilf, Wellblech und Holz unterrichtet. Als sie auf Geheiß der Lehrerin zu ihren Plätzen huschen, müssen sie über die Bänke klettern.
Dabei ist die Enge noch nicht einmal das größte Problem, sagt Peter Dirichs, der Sprecher der Arbeitsgruppe „Brücke Nordenham/Kayes“. Termiten haben die hölzerne Dachkonstruktion angefressen, sie droht einzustürzen und den ganzen Anbau zur Ruine zu machen. Und in den Schilfbündeln fühlen sich Schlangen wohl. Einige von ihnen sind giftig.
Wer kann sich auf den Unterricht konzentrieren, wenn tragende Balken bröckeln und gefährliche Reptilien nicht weit sind? Peter Dirichs will den Neubau einer Schule in Kersingnané bei Kayes im Westen der afrikanischen Republik Mali zu einem seiner nächsten Projekte machen. Ein Antrag an das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) ist in Vorbereitung.
Zwei Wochen lang war Dirichs zusammen mit Uwe Haars und zwei weiteren Nordenhamern in Mali unterwegs. Die ganze Zeit wurden sie begleitet von Bandiougou Niakaté, dem Generalsekretär der Selbsthilfeorganisation Solidarität für den Sahel (Solisa). Mit Solisa arbeitet die „Brücke“ seit Jahren erfolgreich zusammen. Die Organisation wacht darüber, dass das Spendengeld aus Nordenham den Menschen im Distrikt auch wirklich hilft.
Fünf neue Projekte weihte Peter Dirichs während seines Aufenthalts ein, vier davon in Darsalam, einem bitterarmen Ort an der Hauptverbindungsstraße zwischen der malinesischen Hauptstadt Bamako und dem Hafen Dakar in der Republik Senegal. Für Darsalam hat die Realschule Nordenham I bei einem Sponsorenlauf 16 000 Euro eingeworben. Der Großteil des Geldes, 9000 Euro, ging in das Gesundheitszentrum. Eine Krankenschwester und Hebamme sowie ein Apotheker stellen hier die medizinische Grundversorgung der Menschen sicher.
In den beiden Behandlungszimmern stehen Betten aus der Wesermarsch-Klinik. Bisher sind mit Unterstützung der „Brücke“ 18 Betten aus dem Nordenhamer Krankenhaus in den Distrikt Kayes gebracht worden: Bambéla und Samé Plantation wurden auch berücksichtigt.
Die übrigen 7000 Euro investierte die „Brücke“ in drei kleinere Projekte. Das wohl wichtigste ist die Getreidebank. Das ist ein ebenso termiten- wie einbruchssicherer einstöckiger Speicherbau aus Zement, in dem Getreide – in dieser Gegend meistens Hirse und Sorghum – aufbewahrt wird, das ein von den Dorfbewohnern gewähltes Komitee günstig einkauft und bei den immer wieder – wegen Dürreperioden oder Heuschreckenplagen – auftretenden Knappheiten günstig verkauft wird. 1500 Euro wurden in eine Getreidemühle mit Dieselmotor investiert. Mühlen sind wichtig, weil das Getreide sonst gestampft werden muss – eine Aufgabe, die meistens Mädchen erledigen, die deshalb nicht zur Schule gehen können. Eine weitere Errungenschaft ist eine Nähstube mit fünf fußbetriebenen Nähmaschinen aus chinesischer Fertigung für 150 Euro das Stück, in der Frauen ihre prächtigen Gewänder nähen können.
Ein zweites Gesundheitszentrum weihten die Nordenhamer in Samé Plantation ein, einem Ort, der rund um eine frühere Sisal-Plantage entstanden ist.
Auch in Bambéla, wo Schule, Gesundheitszentrum und Getreidebank längst eingerichtet sind, wird noch einiges gebraucht: etwa ein Brunnen und ein Maschendrahtzaun für den ein Hektar großen Garten.
Und jetzt gerät ein neues Dorf in den Fokus: Khamouné Diamberé bei Nioro unweit der Grenze zu Mauretanien. „Da haben wir schon die Sahara gespürt“, sagt Peter Dirichs. Auch hier braucht eine Schule Hilfe, auch hier gibt es Reptilien: sechs Krokodile schwimmen im Dorftümpel.
