NORDENHAM - Hilla Sinnhuber spricht am liebsten mit den Menschen – von Angesicht zu Angesicht oder am Telefon. Aber manchmal ist das nicht möglich, zum Beispiel damals, als er ihr Enkel längere Zeit in Australien war. Da hat sie ihm regelmäßig E-Mails geschickt.

Aber nicht jeden Tag. „Ich bin ja kein Freak“, sagt Hilla Sinnhuber. Doch sie ist froh, dass es den Computer und das Internet gibt, und sie möchte beides gerne besser beherrschen. Da ist sie bei Fadi Ibrahim aus der Klasse 9 b der Realschule I genau richtig. Fadi ist 14 Jahre alt, seine Schülerin wird demnächst 82.

„Bei uns wird früh geheiratet, meine Tochter ist schon 61“, plaudert Hilla Sinnhuber aus ihrer Familie. „Ihre Mutter ist schon 61?“ fragt Fadi charmant zurück. Der gebürtige Syrer ist beeindruckt davon, wie lebensfroh und aufgeschlossen die Schülerin ist, die locker seine Urgroßmutter sein könnte. Und Hilla Sinnhuber freut sich über die Ruhe, die ihr Lehrer ausstrahlt.

Sie will vor allem Dateien ordnen oder auch löschen und ihre Online-Rechnungen in einem bestimmten Ordner unterbringen. Den Laptop, den sie sich vor neun Jahren angeschafft hat, bringt sie jedes Mal mit.

„Schüler schulen Senioren“ heißt das Projekt, das die Realschule I seit 2004 anbietet. Die „Senioren“ sind in diesem Fall zwischen Anfang 50 und Anfang 80. Manche wissen kaum, wie sie ihren Computer zum Laufen kriegen können, andere haben Probleme mit einer Excel-Tabelle.

Für jeden Teilnehmer steht ein kundiger Schüler bereit. Pro Halbjahr bietet die Schule zwei Kurse für insgesamt rund 50 Teilnehmer an, das Interesse der Silver Surfer an dem Angebot steigt, sagt Wolfgang Ringat, Konrektor und Systemadministrator der Realschule I. Zwei Zeitstunden pro Woche werden die Teilnehmer von den Schülern betreut, die Pausengetränke und eine kleine Belohnung für die Schüler übernimmt seit neuestem die LzO in Nordenham. Weitere Sponsoren, sagt die Schulleiterin Heidrun Beck, sind willkommen.

Schräg gegenüber von Hilla Sinnhuber sitzt Ernst Tannen. Der CDU-Kreistagsabgeordnete ist 75 und hat sich nach seiner Pensionierung 2001 einen Laptop angeschafft. Inzwischen hat er auch ein kleines Netbook, an dem er arbeitet, während ihm der Zehntklässler Malte Bahr über die Schulter schaut. „Malte ist pädagogisch sehr gut“, lobt Tannen den 15-Jährigen.

Im Berufsleben war Ernst Tannen Rechtspfleger am Amtsgericht Nordenham und hatte für den Schreibkram eine Sekretärin. Als Pensionär muss er sich behelfen. Mit der Textverwaltung kommt er gut zurecht, sagt der 75-Jährige. Aber jetzt will er lernen, wie er E-Mails verschicken und Bilder speichern und bearbeiten kann. Malte, der zum dritten Mal einen Älteren unterrichtet, ist zufrieden mit seinem Schüler: „Ich muss ihm nicht alles so oft erklären.“

Henning Bielefeld
Henning Bielefeld Redaktion Nordenham (Stv. Leitung), Redaktion Stadland