Nordenham - War es eine gute Idee der rot-grünen Landesregierung, die Laufbahnempfehlung für Kinder beim Wechsel auf eine weiterführende Schule abzuschaffen? Der Philologenverband Niedersachsen beantwortet diese Frage mit einem klaren Nein und fordert die Politik auf, zur alten Regelung zurückzukehren. Die Lehrer-Vereinigung begründet ihren Vorstoß damit, dass viele Kinder ohne Empfehlung an einer Schule landen, die für sie nicht geeignet ist. Die vor zwei Jahren eingeführten Beratungsgespräche halten die Philologen für die deutlich schlechtere Variante und wenig hilfreich. Diese Einschätzung teilen alle Lehrer, die sich bei einer NWZ-Umfrage in Nordenham zu dem Thema geäußert haben. Auch die Stadtelternratsvorsitzende sieht das so.

Gesine Skupin

Als Leiterin der Grundschule Süd hat Gesine Skupin die Erfahrung gemacht, dass Eltern bei der Auswahl der weiterführenden Schule für ihr Kind „einen klaren Trend zum Gymnasium“ haben. Die jetzige Regelung, bei der die Lehrer im November ein protokolliertes Beratungsgespräch mit den Eltern der Viertklässler führen, hält sie für nicht optimal. „Ich glaube, dass manche Eltern das weniger ernst nehmen und sich nicht daran gebunden fühlen.“ Außerdem sei der späte Beratungstermin im Herbst unglücklich. Früher gab es zum Halbjahr eine Trendempfehlung, so dass die Schüler bis zum Sommer „noch einmal durchstarten“ und sich verbessern konnten. Gesine Skupin warnt davor, Kinder ohne entsprechende Eignung zum Gymnasium zu schicken. „Damit tut man ihnen keinen Gefallen“, sagt sie. Die Folgen seien hoher Druck und viel Frust.

Heidrun Beck

Die Rektorin der Oberschule I in Nordenham ist davon überzeugt, dass eine schriftliche Laufbahnempfehlung den Eltern und den Kindern eine „bessere Orientierungs- und Entscheidungshilfe“ bietet als ein Beratungsgespräch. Heidrun Beck würde es daher begrüßen, wenn die alte Regelung wieder eingeführt wird. „Eine Schullaufbahnempfehlung hat eine andere Gewichtung und wird von den Eltern mehr wahrgenommen“, findet sie. An ihrer Schule steigen die Schülerzahlen – zurzeit sind es 640 – trotz des Trends zum Gymnasiums.

Rainer Janssen

Auch der Rektor der Oberschule Am Luisenhof in Einswarden hält es für richtig, zur Schullaufbahnempfehlung zurückzukehren. Rainer Janßen geht noch einen Schritt weiter und stellt den freien Elternwillen bei der Auswahl der weiterführenden Schule in Frage. „Viele Kinder sind überfordert, wenn sie zum Gymnasium geschickt werden“, sagt er. Eine von der Grundschule ausgesprochene Laufbahnempfehlung hätte den Vorteil, dass Eltern eine „schwierige Entscheidung abgenommen wird“. Es habe keinen Sinn, ein Kind „auf Biegen und Brechen“ zum Gymnasium zu schicken und zu riskieren, dass es dort Schiffbruch erleidet. Nach solchen Frusterlebnissen sei es nicht einfach, ein Kind wieder aufzubauen und ihm den Spaß am Lernen zurückzugeben. Der umgekehrte Weg sei auf jeden Fall der bessere: „Lieber erst zur Oberschule und dann später zum Gymnasium wechseln“, sagt Rainer Janßen.

Dr. Sebastian Wegener

Aus Sicht des Gymnasiallehrers Dr. Sebastian Wegener, der auch Nordenhamer Ortsvorsitzender des Philologenverbandes ist, war die Abschaffung der Schullaufbahnempfehlung „ein unüberlegter Schritt“. Dieses Instrument sollte wieder eingeführt werden, weil viele Eltern bei der Einschätzung der Leistungen ihrer Kinder unsicher seien. Den Effekt der unverbindlichen Beratungsgespräche stuft er als „überschaubar“ ein. Mit der zunehmenden Fokussierung auf den höchsten Schulabschluss werde den Kindern „nicht zwingend ein Gefallen getan“. Laut Sebastian Wegener hat dieses Elternverhalten dazu geführt, dass sich die Klientel an den Schulen verschiebt und am Gymnasium der Anteil der Schüler wächst, die hinterher hinken und um ihre Versetzung kämpfen müssen. Dass das Gymnasium eine beliebte Schulform ist und guten Zulauf hat, steht für Sebastian Wegner nicht im Vorderrund: „Unser Selbstzweck ist es nicht, hohe Schülerzahlen zu generieren“, sagt er, „sondern Bildungserfolge bei den Schülern zu erzielen.“

Ivonne Solbrig

Die Stadtelternratsvorsitzende Ivonne Solbrig ist der Meinung, dass eine schriftliche Laufbahnempfehlung auf Eltern verbindlicher wirkt als ein Beratungsgespräch. „Das hat nichts mit Bevormundung zu tun“, betont sie. Denn letztlich müssten sich die Eltern an die Empfehlung ja nicht verpflichtend halten. Aber vielleicht werde damit bewirkt, dass „manche Mütter und Väter ihre Wunschvorstellungen, die vielleicht nicht immer der tatsächlichen Leistung des Kindes entsprechen, kritischer hinterfragen und so zum Wohle des Schülers entscheiden“. In ihrer eigenen Schulzeit hat Ivonne Solbrig die Erfahrung gemacht, dass die Lehrer mit ihren Einschätzungen fast immer richtig lagen. „Unter meinen Mitschülern haben diejenigen ohne Gymnasialempfehlung die Schule fast alle nach zwei Jahren frustriert verlassen“, berichtet die Stadtelternratsvorsitzende.

Norbert Hartfil
Norbert Hartfil Redaktion Nordenham (Leitung)