NORDENHAM - Die Schläger am Nordenhamer Gymnasium hatten ihre unselige Tätigkeit 1945 noch nicht beendet. Ich kann mich gut erinnern, dass mich ein Pastor aus Blexen noch im Jahre 1963 – ich war 18 Jahre alt – ins Gesicht geschlagen hat.

Der Kinderschreck kommt

Das kam so: Unser Klassenraum lag über dem 1956 erbauten Musiksaal im ersten Stock des Dumkow-Baus. Unsere Klasse l3s bestand aus acht Mädchen und vier Jungen. Hinten rechts am Fenster saßen Gerrit Meiners und ich und langweilten uns. Ab und zu machten wir interne Übungen mit Wortspielen, wobei es uns passierte, plötzlich lachen zu müssen. Der Pastor aus Blexen hatte selbst drei Söhne und war offenbar kampferprobt. Zur Strafe forderte er mich auf: „Felsmann, komm mal nach vorne!“

Meine Mutter hieß mit Mädchennamen Felsmann, der Religionslehrer kannte auch meinen Onkel Ernst Felsmann, doch mein Name war ihm nicht bekannt. Was mir blühte, wusste ich aus Erfahrung, bloß nicht, welche Seite meiner damals zarten Gesichtshaut durch die Abdrücke erblühte. Seitdem bin ich gegen jegliche Form von Gewalt in der Erziehung.

Schlimmer als der Pastor war ein Studienrat, der seit 1956 in Nordenham Mathematik und Physik unterrichte. Er musste den Krieg mitgemacht haben. Er hatte nie seine Hand benutzt, setzte jedoch seine eigenen, womöglich bitteren Erfahrungen aus der Wehrmacht in eiskalte verbale und schikanöse Strafen um. Nicht der Körper war das Opfer der Verletzung, sondern die Seele.

Das sah so aus: In die Klasse 6 a („a“ bedeutete damals: männlich, evangelisch; Minderheiten wie weiblich, katholisch: b) kam der damals neue Studienrat für Mathematik und Physik am Schuljahresanfang 1956 in den Anbau des Gymnasiums in Richtung Justizvollzugsanstalt. Der Ausguck vor der Klassentür meldete rechtzeitig: „Er kommt.“ Der, der kam, war kein Pädagoge, sondern ein Kinderschreck, mit besonderen physikalischen und mathematischen Kenntnissen ausgestattet. Er brüllte uns etwa l2-Jährige an, was für einen Lärm wir in einem Klassenraum machten, der eine Ordnung habe „wie eine Hafenkneipe“. Der lehrerzentrierte, humorlose Unterricht gipfelte in Beleidigungen einzelner Schüler.

Er unterdrückte jegliche Art von Schülerinteresse derart brutal, so dass schon genügte, ein Radiergummi fallen zu lassen, um Opfer seiner Justiz zu werden. Die sah so aus: „Warum hast du nicht gemeldet, dass du etwas Wichtiges hast fallen lassen?“ – Die Antwort des Schülers war aus der Not geboren, hatte auch keine Bedeutung. Der Pädagoge entweder: „Heb's auf, du Idiot!“ oder eine Kollektivstrafe, die er offenbar bei der Wehrmacht gelernt haben muss: „Alle auf!“, hieß der Befehl, wobei man sichergehen musste, dass man rechtzeitig aus seiner Zweierholzbank oder später von seinem Stuhl herauskam. Er teilte die Kniebeuge in Stufen von 1 (Gesäß am Boden) bis l0 (stehend) mit vorgehaltenen Armen im Winkel von 90 Grad zum Körper.

Meine persönlich schlimmste Begegnung mit ihm war im Jahre 1958, als meine Stimme beim Vorlesen einer algebraischen Aufgabe in seinem Unterricht umkippte und damit meine Mitschüler zum Lachen brachte. Mein pubertärer Stimmbruch kostete mich zwei Stunden „freiwillige Mitarbeit in der Physik-Sammlung“, die damals dieser Lehrer betreute. Der Wahrheit willen muss ich sagen: Sein Strafvollzug war im Gegensatz zu seinem Unterricht human.

Nietenhosen von Ilcken

Schon zu dieser Zeit habe ich gerne „Nietenhosen mit Umschlag“ getragen, die ich bei Ilcken an der Adolf-Vinnen-Straße gekauft habe. Auf die Idee, diese Hosen zu kaufen, kam ich, weil ich begeisterter Hörer des amerikanischen Soldatensenders AFN Bremerhaven war und dort leidlich Umgangs-Englisch (richtig: Amerikanisch) gelernt habe. Die Grammatik brachten mir die Lehrer Dr. Johannes Werner, Dr. Margarete Gericke und August Fortmann bei, die mir glaubwürdig bewiesen haben, dass es in der Schule auch menschlich zugehen kann, dass Schüler eine Würde haben und dass man ihnen helfen und beistehen kann.