NORDENHAM - Der Radioastronomie gehört die Zukunft. Sie dringt in die tiefsten Tiefen des Alls vor.
von henning bielefeld
NORDENHAM - Die Radioastronomie ist das Aschenputtel der Weltraumforschung. Sie ist schön preisgünstig, aber kein bisschen glamourös, weil sie nicht so faszinierende Bilder liefert wie etwa das Hubble-Teleskop. Doch das wird sich jetzt ändern, verspricht Dr. Rainer Beck: „Wir werden, hoffe ich, unser Bild vom Weltraum revolutionieren.“Der Forscher am Max-Planck-Institut für Radioastronomie in Bonn sprach am Donnerstagabend auf Einladung der Vereinigung der Nordenhamer Sternfreunde im großen Hörsaal des Gymnasiums. Der Vorteil der Radioastronomie liegt darin, dass die Radiowellen aus den Tiefen des Alls direkt auf die Erdoberfläche kommen; es bedarf also keines teuren Weltraum-Teleskops. Ihr – bislang gravierender – Nachteil: Radioteleskope sehen nur so gut wie die das menschliche Auge – für die Erforschung von größeren Strukturen also viel zu schlecht.
Um empfindlichere Bilder zu bekommen, brauchen die Astronomen größere Sammelflächen. Da waren die Möglichkeiten bis vor einigen Jahren ausgereizt, weil Teleskop-Schüsseln ab einem Durchmesser von etwa 120 Metern unter ihrer eigenen Last zusammenbrechen. Die Lösung lautet Inferometrie. Mehrere kleinere Teleskope werden per Computer zusammengeschaltet.
Auf diesem Weg geht es jetzt einen großen Schritt weiter: durch das Low Frequency Array (LOFAR), also einer Anordnung zum Empfang von Niedrigfrequenzwellen. Der Kern wird ausgerechnet in den Niederlanden errichtet, wo die meisten Radiosender angesiedelt sind. Grund: Den Haag gibt das meiste Geld. Allerdings reicht das kleine Holland nicht für die große Anordnung, und deshalb wird Deutschland – unter anderem Ostfriesland – einbezogen, später auch England, Schweden, Polen und Russland.
Die Anlagen sind unscheinbar – wie das Aschenputtel. Sie bestehen aus Dipolen, also klassischen Stangen-Antennen, wie es sie früher für Autoradios gab, mit „Billigelektronik-Teilen aus dem Baumarkt“, wie Beck sagte. Mehrere Stangen werden zu einer Station zusammengefasst, die per Glasfaserkabel mit einem superschnellen Rechner an der Universität Groningen verbunden sind. 77 dieser Stationen sind allein in den Niederlanden vorgesehen.
Wenn sie fertig sind, etwa 2009, soll damit vor allem das frühe Universum untersucht werden, beginnend 300 000 Jahre nach dem Urknall bis zur Bildung der ersten Galaxien nach einer weiteren Milliarde Jahren. Daraus sollen Erkenntnisse über die Strukturbildung des Kosmos gezogen werden.
Bis 2020 soll eine noch größere Anlage, das Square Kilometre Array (SKA), montiert werden, das so heißt, weil es eine Sammelfläche von einem Quadratkilometer haben wird. Es soll in Westaustralien oder Südafrika gebaut werden und seine Baukosten sollen mit bis zu drei Milliarden Euro durchaus astronomische Ausmaße erreichen.
Das Geld wird aus vielen Ländern kommen; einen großen Batzen zahlt das SETI (Suche nach Extraterrestrischer Intelligenz). Letzteres ist ernsthaften Forschern wie Rainer Beck ein bisschen peinlich, denn er glaubt nicht, dass es in der Milchstraße noch eine weitere Zivilisation gibt. In 50 000 Lichtjahren – so weit kann das SKA gucken – könnte es aber schon fündig werden. Viel wichtiger ist Beck, dass es endlich das Wesen der Dunklen Energie ergründen oder den kosmischen Magnetismus erforschen könnte.
