Obenstrohe - Krisen gab es in der Dorfschule Obenstrohe um 1850. Heute können wir uns die Schulsituation in den Anfängen kaum vorstellen. Alle Eltern mussten Schulgeld bezahlen, 80 Kinder und mehr waren in einem kleinen Raum untergebracht.
Vom Schulgeld konnten die Lehrer nicht leben. Sie brauchten weitere Einkünfte. In Varel und den Bauerschaften rundum wurden die ersten Volksschulen auf Geheiß des damals regierenden dänischen Königs Friedrich gegründet, Altjührden 1707 und Obenstrohe 1711.
Das Schulwesen stand unter der Aufsicht der Kirche. Ortsgeistliche waren die „Schulräte“ der damaligen Zeit und das bis 1917. Das Oberschulcollegium in Oldenburg bildete die höchste Instanz im Herzogtum Oldenburg.
Karger Lohn für Lehrer
Dort beschwerte sich der Obenstroher Diedrich Hobbie im Jahre 1855 über seinen kargen Lohn. Aus seinen Gesuchen an diese Behörde, die im Staatsarchiv in Oldenburg archiviert sind, lässt sich vieles über den Lehrer Hobbie und auch über die soziale Lage der Dorfschullehrer in den Bauerschaften in Erfahrung bringen.
Der Lehrer in Obenstrohe bewohnte ein Gebäude der Schulacht, so hieß die lokale Schulverwaltung. Der Unterricht fand im Hause, in der Schulstube, statt. Zum Schulstandort gehörte eine anliegende Scheune, in der der Lehrer zwei Kühe und Schweine hielt. Vom Schulgeld der Eltern konnte eine Lehrerfamilie damals nicht leben.
In Marschdörfern war die wirtschaftliche Situation viel besser: Das Schulgeld war höher und die Erträge aus der Landwirtschaft waren bedeutend höher. Deshalb hatte sich Hobbies Vorgänger nach Alse, einer kleinen Schulacht bei Rodenkirchen, wegbeworben.
In Obenstrohe sollte in der Dienstzeit von Hobbie 1851 eine zweite Klasse eingerichtet werden, so hatte es das Oberschulcollegium in Oldenburg verfügt. Dabei ging das Oberschulcollegium davon aus, dass der einzustellende „Hülfslehrer“ vom Gehalt des Schulleiters Hobbie bezahlt und mit im Hause in Kost und Logie leben sollte.
Lehrer wehrt sich
Damit waren der damalige erste Lehrer Hobbie und auch die Mitglieder der Schulacht nicht einverstanden. Es kam zu Einsprüchen und schließlich zu einem Prozess. Diese Akten sind noch im Staatsarchiv erhalten und geben genaue Informationen über die Einkommensverhältnisse des Lehrers Hobbie und des Hülfslehrers.
Im Jahre 1842 setzten sich die Diensteinnahmen aus fünf Posten zusammen: dem Fixum, dem Schulgeld für 132 Kinder, Zinsen vom ausgeliehenen Kapital der Schulacht, Kreiszins sowie „Heuer für 13 Scheffelsaat Sand-Bauland (Ackerland) geringster Bonität“. Das Oberschulcollegium erwähnte dazu noch die freie Wohnung nebst Garten.
Besingen der Leichen
Bei dieser Aufstellung fehlt die Vergütung „für das Besingen der Leichen im Trauerhause und auf dem Wege zum Friedhof nach Varel“. Diese Summe wurde jährlich aus der Kirchenkasse bezahlt. Beim Nachfolger Fimmen wurde im Jahre 1873 die Summe mit aufgeführt und betrug „11 Thaler“.
Beim Streit um die Beköstigung des Kollegen sollte der Schulleiter zunächst die Hälfte der Kosten selber tragen, die andere Hälfte übertrug man der Schulacht. Später verfügte das Oberschulcollegium, dass die Schulacht die Kosten ganz übernehmen sollte. Doch die verfügte Summe wurde vom Hauptlehrer als zu niedrig empfunden. Als der Lehrer Hobbie sich gegen diesen Bescheid wehrte, begründete er dies mit einer detaillierten Beschreibung der gestiegenen Lebenshaltungskosten der 1850er Jahre, in der Zeit, als Varel viele Fabrikarbeiter anzog.
Die Schulacht hatte inzwischen das Schulgeld von 1Rthl 10 Gr. um 22 Grote erhöht. Daraufhin schickten viele Eltern ihre Kinder in Nachbarschulen. Die Einnahmen der Schulacht und somit des Lehrers sanken. Zum Schulgeld kam noch das Torfgeld pro Kind in Höhe von 14 Grote pro Kind.
In seinem Schreiben an das Oberschulcollegium schreibt Hobbie am 12. August 1855: „Die Nähe der Marsch, mehr aber noch die Nähe Varels erhöhen die Preise sämtlicher Lebensmittel sehr bedeutend. Wir müssen in Obenstrohe das Brod, die Butter, die Milch, das Fleisch u.s.w. mit den nämlichen Preisen bezahlen, wie die Einwohner Varels, vielleicht oftmals theurer, als mancher Bewohner der Marsch. Die Butter kostet seither 16 bis 18 Grote, für eine Kanne Milch werden 3 Grote bezahlt und ein Scheffel Kartoffeln kostete vor einiger Zeit 30 bis 36 Grote, ein Pfund Fleisch = 10 Grote.
Die Einwohner von Obenstrohe, welche nicht selbst alle nötigen Lebensmittel produzieren, müssen das Fehlende größtentheils vom Vareler Wochenmarkt und den Kaufleuten holen. Der Lehrer in Obenstrohe wird, wenn er auch nur eine kleine Familie hat (derzeit hat Frau und 5 Kinder) stets einen großen Teil seiner Bedürfnisse zukaufen müssen, weil bei der Schule außer einem hohen dürren Garten nur 12 Scheffelsaat Landgleiche Bodenbeschaffenheit ist.... Für die 2 Kühe hat er im Sommer keine Weide und im Winter kein Heu. Eine Weide zu miethen fällt in Obenstrohe oftmals sehr schwer, weil die Eigentümer das vorhandene Weideland da selbst benutzen; und das Winterfutter, was von Jahr zu Jahr teurer wird, muss größtenteils aus der anliegenden Marsch bezogen werden.
Obenstrohe verlassen
Nach diesen Querelen bewarb sich der Hauptlehrer 1861 um die besser dotierte Stelle als Lehrer und Heimleiter ans Waisenhaus Varel.
