OLDENBURG - Sie sei „ganz normal“ in die Schule gegangen, sagt Manuela. Nur das mit dem Lesen und Schreiben habe sie „einfach nicht mitgekriegt“. Sie habe dann Angst gehabt, „dass es einer merkt“ und sich in ihrer Klasse „ganz nach hinten gesetzt, um nicht aufzufallen“. Lesen und Schreiben gelernt hat Manuela erst viele Jahre später – in einem Kurs der Oldenburger Volkshochschule.

Die Zahl der Analphabeten in Oldenburg wird auf 7000 geschätzt. „Ihnen geht es jeden Tag so wie uns, wenn wir in China aus dem Flugzeug steigen und beim Anblick der fremden Schriftzeichen nicht weiter wissen“, sagt Achim Scholz, Leiter des „A.B.C.-Projekts“ in Oldenburg. Bei dem Forschungsvorhaben, das den Teilnehmern andere Perspektiven und ein neues Lebensgefühl vermittelt, geht es wissenschaftlich darum, wie Alphabetisierung grundsätzlich am besten gelingt. Es wird für drei Jahre mit Geldern des Bundesforschungsministeriums gefördert und von der VHS und dem Didaktischen Zentrum der Universität Oldenburg organisiert. Seit Ende 2007 nehmen Lernende zwischen 20 und 50 Jahren daran teil (die NWZ berichtete).

Oberbürgermeister Gerd Schwandner zeichnete das Projekt jetzt als „Oldenburger Denkstelle“ aus. Der Titel wird vom Projektbüro „Stadt der Wissenschaft“ und der NWZ an zwölf besonders zukunftsorientierte Unternehmen und Institutionen verliehen. „Sie haben ihn sich mit Ihrem Einsatz vollauf verdient“, lobte Schwandner die Initiatoren, „weil Sie zur Enttabuisierung des Themas beitragen und den Betroffenen Mut machen, sich der Herausforderung zu stellen.“

Für VHS-Direkter Hans Peter Heyer stellt die Auszeichnung „eine große Anerkennung unserer Arbeit“ dar. Jens Winkel, Geschäftsführer des Didaktischen Zentrums, könnte sich eine Juniorprofessur an der Hochschule vorstellen, die sich mit der Alphabetisierungsforschung befasst.

Bis dahin will Scholz gar nicht warten: „Wir planen bereits ein Folgeprojekt.“ Schließlich gebe es in der Berufswelt kaum noch Schutz für Menschen ohne Schreib- und Lesekenntnisse. Beim Bemühen, sie am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen, dürfe man nicht locker lassen. Die Schriftlosigkeit werde oft wie ein Gefängnis empfunden.

Info: www.abc-projekt.de