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NWZonline.de Ratgeber Beruf & Bildung

Oldenburger „CI-Café“ weckt neue Lust am Kommunizieren

12.04.2019

Oldenburg /Bad Zwischenahn „Mit dir zu telefoniere bringt so einen Spaß!“ Bei diesen Worten schlägt sicher das Herz der meisten Menschen höher. Für Petra Leuning aus Bad Zwischenahn ist das Kompliment von Freundinnen allerdings ein ganz besonderer Grund zur Freude, denn der entspannte Klönschnack ist für sie keineswegs selbstverständlich. Die allermeiste Zeit ihres Lebens hat sie mit Hörgeräten verbracht, der Plausch am Telefon ging nur mühsam und mit vielen Nachfragen vonstatten. Erst seit sie vor etwa drei Jahren Cochlea-Implantate (CI) eingesetzt bekam, greift sie unbefangen zum Hörer und genießt die neue Lust am Telefonieren. Ein Glück, das sie an andere weitergeben möchte.

Petra Leuning selbst musste nicht lange überlegen, bis sie den Schritt zur Operation des ersten Ohres wagte. Allerdings weiß sie, wie wichtig ihr vor und nach dem Eingriff der Austausch mit andere CI-Träger gewesen wäre. Und so hat die lebenslustige Ammerländerin eine Selbsthilfegruppe ins Leben gerufen, die sich jeden ersten Mittwoch im Monat in einem Café in der Oldenburger Innenstadt trifft. Beim Teetrinken schildert die 60-Jährige ihren Werdegang und macht dabei deutlich, worum es ihr mit dem neu gegründeten „CI-Café“ geht: „Ich möchte anderen Menschen Mut machen.“

Ihre Eltern bemerkten früh einen Sprachfehler bei der Tochter. Der Arzte stellte fest, dass sie nicht richtig hört. Schon vor dem ersten Schuljahr bekam sie für beide Ohren Hörgeräte, was damals selten war. „Die Schulzeit habe ich ganz gut überstanden“, sagt Leuning. Nur in der Grundschule hatte sie einen Lehrer, an den sie sich mit Grausen erinnert, weil er sie und andere Kinder mit Beeinträchtigungen auf heute unvorstellbare Weise behandelte. „Er zog mit dem Schuh auf dem Pausenhof einen Strich. Auf der einen Seite hatten sich die Kinder ohne Behinderung aufzustellen, auf der andern die mit.“ Die einen durften an den Turngeräten spielen, Petra stand auf der anderen Seite. Nach ein paar Tagen nahm sie allen Mut zusammen, wischte den Strich vom Boden und nahm die anderen ausgeschlossenen Kinder an der Hand. Sie erinnert sich noch an das Schmunzeln einer Lehrerin, die das beobachtete. Der Lehrer wurde irgendwann strafversetzt. „Weswegen weiß ich nicht“, sagt Leuning. Ihren Eltern erzählten die Grundschulkinder damals nichts von der unglaublichen Diskriminierung, weil damals „Zucht und Ordnung herrschten.“

Nach dem Hauptschulabschluss absolvierte Leuning in Oldenburg eine Ausbildung als Floristin. 1984 kam ihre Tochter zur Welt. Über das Lego-Spiel mit der Kleinen legte sich ein Schatten: „Ich konnte die Steine am Rand nicht mehr sehen“, stellte Leuning fest. Schon länger war sie nachtblind, jetzt kam ein „Tunnelblick“ hinzu. Sie fuhr zur Untersuchung in ein Krankenhaus nach Bremen und bekam die Diagnose: Retinits pigmentosa. Die drei Ärzte sagten ihr ohne Umschweife: „Wenn sie in einem Jahr noch etwas sehen können, haben sie ganz großes Glück.“ Die Tochter war gerade vier Jahre alt, die Sorge groß.

In der Rückschau sagt Leuning mit ihrer positiven Grundeinstellung: „Ich hatte Angst, dass ich meine Tochter nicht sehen kann. Jetzt sehe ich sogar mein Enkelkind und bin so glücklich darüber.“ Heute beträgt ihr Sehvermögen noch etwa vier Prozent, in ihrem Schwerbehindertenausweis steht ein Grad der Behinderung von 100. Zuhause kommt Leuning ohne Hilfe zurecht, pflegt sogar ihren schwerkranken Mann. Draußen ist sie mit Blindenstock unterwegs, traut sich damit auch Busfahrten zu.

Infos zu Gruppen

Nähere Auskünfte zum „CI-Café“ sowie auch zu der Oldenburger Selbsthilfegruppe „Unerhört Sympathisch“ gibt es bei der Beratungsstelle für Selbsthilfegruppen in Oldenburg Bekos (Telefon 0441-88 48 48, E-Mail: info@bekos-oldenburg.de). Die Mail-Adresse von Petra Leuning lautet petra.leuning@gmx.de.

Einen Überblick über alle CI-Selbsthilfegruppen in der Region gibt der Cochlea Implantat Verband Nord e.V.

www.civ-nord.de

Als die Sehfähigkeit immer weniger wurde, fragte sie vor etwa vier Jahren ihren Augenarzt um Rat, der eine Mobilitätstrainerin vermittelte. „Darüber bin ich sehr froh. Wenn man erst einmal ganz blind ist, ist das schwer mit dem Training.“ Die Mobilitätstrainerin ermunterte sie auch, über Neigungen und Hobbys nachzudenken. So singt Leuning nicht nur im Chor, sondern malt auch großformatige Bilder. Wie geht das, wenn man fast blind ist? Ein Foto wird auf Papier kopiert und mehrfach gefaltet. Diese Vorlage hält sich die Hobbykünstlerin nah vor die Augen und bringt Quadrat für Quadrat auf die Leinwand. Gewusst wie, geht auch mit Behinderung fast alles.

Diese Grundeinstellung, dass es vor allem auf die richtigen Unterstützung und Mutmacher im Umfeld ankommt, möchte Leuning im „CI-Café“ weitergeben. So könnten auch andere Hörgeschädigte das erleben, was für sie nach der Implantation das Schönste war: Zum ersten Mal im Leben hörte sie Vogelgezwitscher.

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Irmela Herold Redakteurin / Online-Redaktion
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