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NWZonline.de Ratgeber Beruf & Bildung

Lassen Sie mich durch, ich werd’ Arzt!

12.01.2018

Oldenburg Wenn 43.000 Menschen etwas wollen, das nur 9000 haben können, dann ist das ein Problem. So geht es derzeit Schülern, die Medizin studieren wollen. Wollte man Wetten abschließen, dann könnte man sagen: Die Chance steht bei 1:5, einen Platz zu bekommen. Und ein bisschen Glücksspiel ist es tatsächlich auch. „Die Nachfrage nach einem Medizinstudium ist seit Jahren ungebrochen und übertrifft das Angebot bei Weitem“, sagt Prof. Dr. Klaus Peter Kohse, Studiendekan der European Medical School Oldenburg.

Wer sich gegen so viele Mitbewerber durchsetzen will, braucht entweder einen Abiturdurchschnitt von mindestens 1,2 - oder sehr viel Geduld. Drei angehende Mediziner der „European Medical School“ in Oldenburg haben es geschafft. Hier erzählen wir ihre Geschichte.

Hussam Abou Daher

21 Jahre, 1. Semester

Hussam Abou Daher studiert im ersten Semester in Oldenburg Bild: Gropius

Eigentlich wollte Hussam Abou Daher in Syrien die Schule beenden und danach an der Universität von Damaskus Medizin studieren. „Doch daraus wurde dann leider nichts“, sagt der 21-Jährige in fließendem Deutsch.

Medizin fasziniert ihn schon seit seiner Kindheit. Seine Tante war Krankenschwester. „Wenn jemand aus unserer Familie krank wurde, habe ich gesagt: ,Bitte nimm mich mit!’“ Aber aus dem Kindertraum wird nichts, Bürgerkrieg bricht aus. Jetzt geht es nur darum, zu überleben, der Zukunftstraum muss warten. Die Familie flieht nach Kuwait, erzählt er und blickt aufs Handy. Hussam Abou Daher hat eine Liste mit Stichpunkten zu seinem bisherigen Weg gespeichert. Nichts will er während des Gesprächs vergessen

Schritt nach Europa

Schulfreunde überreden ihn, gemeinsam den Schritt nach Europa zu wagen. Sieben lange Monate wartet er in Kuwait auf das Visum. „Am 1. Juli 2015 um 15 Uhr bin ich im Flughafen Köln-Bonn gelandet. Das werde ich nie vergessen“, sagt Hussam Abou und lächelt.

Aber es ist nur ein erster Schritt. Wenn er als Einwanderer einen Studienplatz möchte, braucht er einen langen Atem und viele Dokumente. Er braucht einen Platz an einem Studienkolleg – ein Vorbereitungslehrgang für ausländische Anwärter auf ein Medizinstudium. Aber dafür muss er erstmal Deutsch lernen.

Neun Monate gelernt

Neun Monate lang paukt er, dann hat Hussam Abu Daher genug Deutsch gelernt, um Konversationen folgen zu können und Texte zu verstehen. Er hat das „Sprachniveau B2“ erreicht, sagt das Amtsdeutsch dazu. Jetzt bekommt Hussam Abou schließlich einen Platz am Kolleg in Halle/Saale in Sachsen-Anhalt. Abschlussnote: 1,0.

Aber auch die Spitzennote vom Studienkolleg, das merkt er schnell, ist kein Garant für einen Medizinstudienplatz. Wieder: bangen und warten. „Dann kommt die erste Ablehnung, die zweite, dritte, vierte und so weiter. Das war echt schwer für mich, besonders, weil ich allein, ohne meine Familie, in Deutschland war“, erklärt er. Er ruft fast täglich zu Hause an.

Hoffnungen auf den Studienplatz

Besonders sein großer Bruder baut ihn auf. „Er hat immer zu mir gesagt: ,Du hast viel getan. Du bekommst schon einen Studienplatz, vertrau mir!’“ Nach drei Monaten ist es soweit.

„Ich habe nur Uni Oldenburg gelesen und: ,Sie wurden zugelassen.’“ Hussam Abou Daher kann es nicht glauben. Er weiß nicht, ob er vor Freude weinen oder schreien soll. „Zwei Jahre habe ich auf diesen Moment gewartet.“

Nach dem Studium plant Hussam Abou Daher, zurück nach Syrien zu gehen. „Ich möchte mein Land aufbauen“, sagt er. Sein Traum ist es, eine eigene Praxis zu eröffnen.

Michael Schuh

26 Jahre, 3. Semester

Drei Jahre lang hatte sich Michael Schuh ausgemalt, wie es wohl sein würde, wenn die lang ersehnte Zusage käme. „Dann rennst du raus auf die Straße und schreist vor Glück – das habe ich dann aber doch nicht gemacht“, sagt er und lacht. Er hat schon vieles angefangen im Leben, aber nur Medizin macht ihn glücklich. Nicht das Lehramtsstudium, auch nicht seine Ausbildung zum Diätassistenten. „Entweder Medizin oder gar nichts“, weiß er.

Er hat vor seinem Studium eine Ausbildung absolviert: Michael Schuh Bild: Gropius

Nur über Umwege geht sein Wunsch doch nach langem Warten in Erfüllung – weil er vorher eine Ausbildung gemacht hat. Die Vergabe-Regelung auf Basis des NC (Numerus Clausus) sieht Michael Schuh kritisch. Bei dieser Vergabeform spielt die Abiturnote eine besonders große Rolle, da es auf die wenigen Studienplätze zu viele Bewerber gibt. Allein die Abiturnote als Auswahlkriterium zu sehen, sei unfair.

Seine Motivation, den langen Weg auf sich zu nehmen, sind die vielen Berufsmöglichkeiten, die er als Arzt habe. „Ich verstehe das Studium auch als eine Art Prüfung, ob man sich organisieren und Leistung bringen kann.“ Momentan träumt Michael Schuh von einer eigenen Praxis als Hausarzt. Als er zu seinem Arbeitsplatz in der Bibliothek zurückkehrt, grüßt er immer wieder Kommilitonen. Da es nicht so viele Medizinstudenten in Oldenburg gebe, kenne man fast jeden persönlich.

Eike Tammo Steinberg

23 Jahre, 3. Semester

Bremen, Hauptbahnhof, Drogenmilieu – das war mehrere Jahre lang Eike Steinbergs Einsatzgebiet als Rettungsassistent. „Ich habe so schon ein dickes Fell bekommen, würde aber nicht sagen, dass es nicht Situationen gibt, die mich umhauen würden.“ Dass Eike Steinberg so schnell nichts aus der Ruhe bringen kann, kann man sich bei ihm gut vorstellen. In Kürze steht eine Prüfung an, vor der viele zittern. Eike Steinberg wirkt hingegen wie die Ruhe in Person.

Nach dem Abitur folgt für den Bremer zunächst eine Ausbildung als Rettungsassistent, denn auch bei ihm reicht die Abiturnote nicht für ein Medizinstudium aus. „Mir war klar, dass ich Medizin studieren möchte, das aber so schnell nicht verwirklichen kann.“ Die Ausbildung ist eine passende Basis für das Studium: Als Rettungsassistent hat Steinberg Patienten aus allen Gesellschaftsschichten behandelt.

Ausbildung zum Rettungsassistent

Nach der Ausbildung arbeitet Eike Steinberg noch zwei Jahre als Rettungsassistent. Aber das Medizinstudium bleibt immer Thema. Er glaubt daran, dass er es schafft. Halbjährlich bewirbt er sich darum weiter. Aber es kommen immer Absagen. Jedes Mal eine herbe Enttäuschung.

Einen wirklichen Plan B hätte es für ihn nicht gegeben. „Ich finde es heftig, dass man in Deutschland teilweise 14 Wartesemester auf sich nehmen muss, um die Zulassung zu bekommen. Klar, gibt es viele Bewerber, trotzdem finde ich das problematisch.“

Der 23-jährige Eike Tammo Steinberg arbeitete vor dem Studium als Rettungsassistent Bild: Gropius

Seiner Meinung nach gebe es zu viele Bewerber, die zwar nicht den erforderlichen Notendurchschnitt hätten, dennoch unbedingt Arzt werden wollten. Dass solche Kandidaten oft den Kürzeren ziehen, ärgert ihn. Von dem Auswahlverfahren in Oldenburg ist Eike Steinberg indes überzeugt. „Wir haben hier ein richtiges Assessment Center mit sechs Stationen. Dazu gehört zum Beispiel Gruppenarbeit. Am Ende steht das Motivationsgespräch.“

Als Eike Steinberg damals selbst den Bewerbungsprozess durchläuft, hat er zunächst ein gutes Gefühl, macht sich aber keine allzu großen Hoffnungen. „Man weiß eben, dass es so viele Leute sind, die auch einen Studienplatz wollen.“ Die Nacht bevor die Bescheide versendet wurden, habe er sehr unruhig geschlafen. Als Eike Steinberg endlich die Zusage erhält, muss auf einmal alles ganz schnell gehen.

Drei Wochen Vorlauf

„Ich hatte effektiv drei Wochen, bevor das Studium begann, um meinen Arbeitsvertrag zu kündigen und eine Wohnung zu finden. Krasse Freude – aber echt viel Pensum“, sagt Steinberg, der nun schon seit eineinhalb Jahren Medizin studiert.

Am Medizinstudium gefällt ihm vor allem der große Praxisbezug und die Dynamik zwischen den Studenten. „Wir ziehen uns gegenseitig hoch, wenn es mal nicht so läuft.“

Aber nach einem ersten anstrengenden Semester hat Eike Steinberg seit März 2017 sogar noch einen Nebenjob: als Rettungsassistent im Landkreis Oldenburg.

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Fragen und Antworten zum Numerus Clausus

Tatiana Gropius
Volontärin, 3. Ausbildungsjahr
NWZ-Redaktion
Tel:
0441 9988 2003
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