OLDENBURG - Die Politik will vorgezogene Einschulungstermine schaffen. Das ist auch eine Herausforderung an die Pädagogik. Da geht es „um die Reaktion auf die große Unterschiedlichkeit der Kinder“, sagt die Oldenburger Didaktik-Professorin Dr. Astrid Kaiser. Schon jetzt – auch ohne frühere Einschulung – sei die Grundschule mit einer extremen Heterogenität konfrontiert und gefordert, auf „sehr, sehr unterschiedliche Kinder einzugehen“.
Ein Blick auf die Praxis in Ländern mit früherer Einschulung wie die Niederlande und England zeige, dass der Unterricht dort „viel differenzierter ist“. England, ein Musterbeispiel in dieser Hinsicht, arbeite im Unterricht mit „sehr viel mehr praktischen Aufgaben, die Kinder sind dort viel mehr mit den Händen gefordert, nicht nur kognitiv, und dadurch kommen auch die Fünfjährigen mit“.
In Deutschland sei „viel nach Takt und Gleichschritt aufgebaut“. Deshalb werde „nicht so die Notwendigkeit einer starken Differenzierung gesehen“, obwohl eigentlich klar sei, dass heterogene Gruppen genau dies bräuchten. Kaiser: „Kleine Kinder verstehen viel mehr durch handelndes, praktisches Lernen. Aus der Tätigkeit kommt das Denken.“ Schon der Säugling begreife sein Spielzeug, indem er es in die Hand und den Mund nehme. Dabei würden gute Konzepte wie „Lesen durch Schreiben“, das der individuellen Lerngeschwindigkeit Rechnung trage oder „Lernen durch freie Arbeit“ mit seinen diversen Abstraktionsniveaus für Mathe aber auch hier von Lehrern durchaus angewandt.
Die Wissenschaftlerin äußerte indes Verständnis für Psychologen, die vor einer verfrühten Einschulung warnten. Als Mutter von zwei Kindern habe sie selbst „alles daran gesetzt, dass die Kinder so spät wie möglich eingeschult werden“. Ihr sei es wichtig, dass die Kinder vorher zu Hause genügend emotionale Sicherheit bekämen, „denn es gibt sehr viele Konflikte in der Schule, die gerade die Kleinen voll treffen“. Kaiser: „Wenn ich für die Kinder Partei ergreife, würde ich immer für eine spätere Einschulung plädieren.“
