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NWZonline.de Ratgeber Beruf & Bildung

Wenn aus Studenten Ärzte werden

05.12.2018

Oldenburg Und plötzlich waren sie keine Studenten mehr. „Es ist ganz komisch, zu Hause auf dem Sofa zu sitzen und gar keinen Druck mehr zu haben“, sagt Marcel Thier. Der 28-jährige gebürtige Nordhorner hat im November das mündliche Staatsexamen der 2012 gegründeten European Medical School Oldenburg-Groningen (EMS) bestanden. Genau wie Johannes Grone gehört er zu den ersten Absolventen des Studiengangs in der Humanmedizin. „Jetzt geht es auf Stellensuche“, sagt Marcel Thier. „Ich fühle mich auch nicht großartig anders“, sagt sein 29-jähriger ehemaliger Kommilitone, der aus Göttingen stammt.

Doch wie sind die beiden überhaupt nach Oldenburg gekommen? „Die Studienplätze werden zentral vergeben“, sagt Grone. Das sei an allen staatlichen Universitäten gleich – egal, ob Modellstudiengang oder nicht. Über die Plattform „Hochschulstart“ werde dann nach Quoten und Abiturnoten über die Vergabe der Studienplätze entschieden. Aber: „Man kann schauen, ob die Unis, wie hier in Oldenburg, zusätzliche Auswahlverfahren anbieten.“

Ähnlicher Hintergrund

Die beiden Studienkollegen haben einen ähnlichen Hintergrund, wollten beide ursprünglich Maschinenbau studieren. „Ich habe meinen Zivildienst im Rettungsdienst gemacht, als Rettungsassistent gearbeitet und mich dann umentschieden“, sagt Grone. „Ich habe damals eine Nähe zum medizinischen Beruf entwickelt und mochte auch den Kontakt zu den Menschen. Ich wollte mehr lernen als nur die Grundlagen.“ Und Thier ergänzt: „Ich hatte sogar schon einen Studienplatz in Maschinenbau, aber durch den Zivildienst im Rettungsdienst bin ich da hängengeblieben.“ Vorher habe er keine Berührungspunkte mit Medizin gehabt. „Ich hatte das einfach nicht im Hinterkopf – Medizin stand nicht auf dem Plan.“

2012 begannen die beiden Absolventen ihr Studium – und sind mit ihrer Wahl zufrieden. „Im Großen und Ganzen war es sehr gut. Vor allem der hohe Praxisanteil hat mir sehr gut gefallen“, sagt Grone. Gleich zu Beginn des Studiums seien Patienten mit in den Vorlesungen gewesen. „In den ersten drei Jahren hatten wir in jeder Woche neue Themen, die immer mit Patienten besprochen wurden“, sagt Thier. Dabei hätten die Ärzte die – teilweise ehemaligen – Patienten mitgebracht. „Wir durften mit ihnen sprechen, Diagnosen erstellen und Behandlungsmethoden erarbeiten.“ Das erste Thema war ein einfaches, orthopädisches. Die Anforderungen stiegen mit der Zeit.

„Nach zehn Wochen waren wir das erste Mal in einer Hausarztpraxis“, sagt Grone. „Für uns mit der vorherigen Berufsausbildung war das relativ einfach, und die Anforderungen waren auch noch recht niedrig.“ Mit der Zeit hätten sie bei mehreren Hausarztpraxen hospitiert, und die Anforderungen seien gestiegen. „Dort haben wir ein breites Spektrum an Krankheitsbildern gesehen, die man in Kliniken vielleicht nicht so häufig zu Gesicht bekommt“, sagt Thier.

Nach drei Jahren dann der erste Meilenstein: Ein Äquivalent zum Physikum, eine Zwischenprüfung, beschloss den ersten Studienabschnitt.

Während des vierten Jahres waren die Studenten meist im Klinischen Trainingszentrum. „Das war bei uns noch sehr improvisiert – mittlerweile ist das sehr groß und modern aufgebaut“, sagt Thier.

Und wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit Dozenten und anderen Studenten? „Wir waren am Anfang insgesamt nur 40 Studenten – pro Semester kommen nur wenige Studenten dazu“, sagt der 28-Jährige. Zum Vergleich: An der Universität Göttingen liegt die Zahl der Erstsemester in der Humanmedizin bei 147 mit einem Vollstudienplatz und 36 mit einem Teilstudienplatz.

„Wir haben uns schnell in Gruppen gefunden, und der Zusammenhalt ist sehr groß“, sagt Thier, der in seiner Freizeit gerne beim Unisport aktiv ist oder an freien Wochenenden mal zu Festivals fährt. Auch zum Studiendekanat, zu anderen Dozenten und Tutoren gebe es meist einen persönlichen Kontakt.

„Versuchskaninchen“

„Natürlich ist man teilweise auch ein ,Versuchskaninchen‘“, sagt Grone. Aber: „Wir durften auch viel evaluieren und Strukturen mitbestimmen. Es gibt positive und negative Seiten: Einige Entscheidungen sind recht spontan gefallen, dafür hatten wir aber auch ein gewisses Mitspracherecht.“ So hätten gerade die ersten Semester den Studiengang über die Jahre auch mitgeformt. „Es ist ein kontinuierlicher Prozess.“

Nur eines habe teilweise gefehlt: „Es gibt keine höheren Semester, die wir vor Prüfungen um Rat fragen konnten“, sagt Thier. Dennoch seien sie von Tutoren anderer Fachbereiche – Physik, Biologie oder Biochemie – gut mitbetreut worden.

So konnten die Studenten bereits ab dem ersten Semester an kleineren oder größeren Projekten in einer Gruppe oder auch alleine forschen. „Die mittleren und großen Forschungsarbeiten, die wir in den höheren Semestern geschrieben haben, entsprachen den Bachelor- oder Masterarbeiten in Groningen“, erklären die beiden Absolventen. „Das waren dann auch Einzelarbeiten.“

Hat denn der Schwerpunkt auf die Praxis geholfen? „Durch die Blockpraktika haben wir viele Einblicke bekommen“, sagt Grone. „Wir haben damals schon auf dem Niveau vom Praktischen Jahr gearbeitet und wurden höher bewertet.“

Ein weiterer Vorteil in den Augen der Absolventen: „Das Studium ist sehr verschult. Wir hatten unseren Stundenplan, feste Ferienzeiten und auch feste Praktika“, sagt Thier. „Wir haben uns mit der Struktur und auch in Oldenburg wohl gefühlt“, ergänzt Grone, der zum Ausgleich gerne schwimmen geht, taucht oder im Winter zum Skifahren verreist. Und im vergangenen Jahr eine Woche vor seinem zweiten Staatsexamen mit der Freiwilligen Feuerwehr Oldenburg Stadtmitte zu Unwettereinsätzen gerufen wurde. „Das war eine gute Abwechslung zum Lernen“, sagt er und lacht.

Auch die Tertiale des Praktischen Jahres (PJ), das – wie an anderen Universitäten – nach dem fünften Studienjahr begann, absolvierten die beiden angehenden Ärzte in Oldenburg. „Die Tertiale in der Inneren und der Chirurgie sind Pflicht“, erklärt Grone. „Danach habe ich mich für Anästhesie entschieden – und werde da nun auch weitermachen. Der Bereich ist mit dem Rettungsdienst eng verknüpft, und da fühle ich mich einfach am wohlsten“, sagt Grone, der am 1. Januar im Klinikum Oldenburg als Assistenzarzt bei Prof. Dr. Andreas Weyland beginnt.

Thier entschied sich in seinem „Wahl-Tertial“ indes für Dermatologie. „Ich wollte noch einmal einen Einblick in diese Fachrichtung haben. Während des PJ habe ich die Chirurgie als Fachrichtung für mich entdeckt“, sagt der gebürtige Nordhorner, der damit zumindest im weitesten Sinn seinem ursprünglichen Berufswunsch, etwas Handwerkliches zu machen, treu geblieben ist. Der 28-Jährige hat sich ebenfalls in Oldenburg beworben, eine Entscheidung steht noch aus.

Erfahrungen sammeln

Der Studiengang wurde auch konzipiert, um Ärzte für die Nordwestregion auszubilden. Ein Thema? „Wir wurden immer wieder darauf angesprochen“, sagt Grone. Doch: „Wo man sich niederlässt, hängt immer auch von der persönlichen Situation ab. Viele werden generell erst einmal in einem Krankenhaus anfangen – auch, um Erfahrung zu sammeln.“ Für angehende Ärzte sei es kein Problem, einen Arbeitsplatz zu finden. „Wir haben mitbekommen, dass Ärzte fehlen.“ Fast in jeder Klinik seien in jedem Fachbereich offene Stellen zu finden.

Übrigens: Nicht nur sogenannte Überflieger können Ärzte werden. „Ich hatte eine 2,6 als Abiturdurchschnitt“, sagt Grone. „Auch mit meiner 1,8 wäre ich nicht direkt zugelassen worden“, weiß Thier.

Und auch nach ihrem Abschluss liegen die beiden tatsächlich nur selten auf der faulen Haut. „Ich schreibe an meiner Doktorarbeit in der Allgemeinchirurgie“, sagt Grone. Thier möchte in der onkologischen Abteilung der Inneren Klinik im St.-Josefs-Hospital in Cloppenburg promovieren. „Die Arbeit geht nicht aus“, sagen beide und lachen.

Und dann gibt es ja auch noch die Facharztprüfung. Doch bis dahin werden weitere sechs Jahre vergehen. Größtenteils im Krankenhaus – aber bestimmt auch ab und an zu Hause auf dem Sofa.

Ellen Kranz
Redakteurin
Regionalredaktion
Tel:
0441 9988 2051
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