OLDENBURG - Den Job behalten und gleichzeitig das Abitur nachholen: Das Abendgymnasium in Oldenburg ermöglicht Erwachsenen, die im Beruf stehen, seit 50 Jahren eine massive Erweiterung ihrer Chancen – entweder bei ihrem jetzigen Arbeitgeber oder woanders, oft auch über ein anschließendes Studium.

Einer, der diesen dreijährigen Weg vor einem Jahr eingeschlagen hat, ist Daniel Kaßanics (30). „Ich wollte beruflich noch weiter kommen“, sagt der Software-Entwickler bei der BTC AG, der die Schule mit Mittlerer Reife verlassen hat. „Ich will mir auch im Beruf Dinge aneignen können, die die normale Schulbildung nicht abdeckt.“ Kaßanics kann sich vorstellen, danach Wirtschaftsinformatik zu studieren oder einen Abschluss als Wirtschaftsingenieur anzustreben. An fünf Abenden in der Woche büffelt er an der Schule fürs Abitur. Über sein neues Abendprogramm sagt er: „Mir ist jetzt schon klar, dass das eine gute Idee war. Die ersten Wochen waren hart, aber ich habe mich dran gewöhnt, auch wenn ich für meine Clique kaum noch Zeit habe. Im Vergleich zu manchen Qualifikations-Angeboten ist das hier eine echte Schule, das ist gut. Das Kollegium kann mit erwachsenen Schülern umgehen und mit ihren Belastungen. Außerdem gibt es eine sehr gute Klassengemeinschaft, die einen trägt. Es ist einfach wunderbar, dass man hier noch einmal die freie Wahl erhält, wie das Leben aussehen könnte, eine zweite Chance, seine Träume zu verwirklichen.“

Wegen der ungewohnten Mehrfachbelastung mit Arbeit, Familie und Schule streichen in den ersten Monaten viele die Segel. Doch die Hälfte macht weiter, und von denen, die das erste Jahr hinter sich haben, schaffen dann tatsächlich etwa 75 Prozent Abitur oder Fachhochschulreife, sagt Schulleiter Bernd Beime, der gleichzeitig auch das Oldenburg-Kolleg im selben Gebäude an der Theodor-Heuss-Straße leitet. 2001 war das Abendgymnasium mit seinen Jahr für Jahr etwa 140 Schülern von seinem langjährigen Standort im Herbartgymnasium zum Oldenburg-Kolleg gezogen. Durch den Anstieg der Abiturienten des ersten Bildungswegs ist die Zahl der Schüler am Abendgymnasium leicht gesunken. Doch durch den allgemeinen Anstieg der Schüler mit Abitur ist diese Möglichkeit für die, die das Abi nachzuholen haben, umso dringender.

Wer es dann schließlich am Abendgymnasium geschafft hat, bekommt für diese Leistung weit mehr als sein Abi-Zeugnis von den Lehrern ausgestellt. Uwe Hahn, der stellvertretende Schulleiter, sagt: „Unsere Absolventen sind gesuchte Leute im Beruf und auch bei Hochschullehrern beliebt. Denn sie sind physisch und psychisch belastbar, sie kommen im Studium besser und schneller klar, sie haben hohes Durchhaltevermögen, sind frustrationstolerant, ehrgeizig, gut selbstorganisiert und diszipliniert.“

So wie der Türke Ozan Sevimli, der hier im Jahr 2000 sein Abitur gebaut hat. Heute arbeitet er bei der Weltbank in Washington. Sevimli sagt: „Das Abendgymnasium hat mir Wege eröffnet, die ich mir selbst vorher nicht hätte vorstellen können. Ohne die Entwicklung, die ich auch als Mensch am Abendgymnasium machen konnte, wäre ich jetzt nicht da, wo ich bin.“

Karsten Röhr
Karsten Röhr Redaktion Oldenburg