OLDENBURG - Landschaftsmalerei wäre jetzt das Thema, laut Lehrplan. Aber Kunstlehrerin Ortrud Reuter-Kaminski ruft in den Raum: „Hey, in der Kleiststraße ist gerade Sperrmüll, da könnt ihr mal gucken.“ Die Schüler lassen alles stehen und liegen. Denn Sperrmüll, das klingt gut, wenn man gerade dabei ist, experimentelle kinetische Skulpturen zu erfinden.
Von der Salatschleuderkurbel bis zum Inliner-Rad ist alles zu gebrauchen. Es wird gewagt und verworfen, geklebt und verschraubt. Denn die Elftklässler aus dem Kunstkurs der IGS Helene-Lange-Schule beteiligen sich am 3. Oldenburger Zeichenfestival „ausgezeichnet!“ der Kunstschule Klex. Zehn Künstlerinnen und Künstler arbeiten in mehrwöchigen Projekten in Schulen, diesmal unter dem Titel „Zeichnung trifft Musik“.
An der IGS erarbeiten in dem Projekt „Kinetic 3D meets music“ der Industrial-Design-Student Elburuz Fidan und der Grafik-Designer Daniel Theilen Klangmaschinen aus Alltagsgegenständen, die gleichzeitig zeichnen und klingen. Etwa nach Glocken, angeschlagen durch eine Geisha, die sich über einer Kiste dreht. Das Problem: der Motor. Denn Kunst ist hier auch Technik. Laura Hesse, die die schöne Idee zu der kinetischen Skulptur hatte, sagt: „Ich habe nur einen Motor gefunden, der 10 000 Umdrehungen macht, ich brauche aber nur 20 Umdrehungen. Ich frage jetzt meinen Großvater oder den Elektriker.“
Fabian Linsel arbeitet an einem Zeichengerät, für das er zwei Tonbandgeräte über selbst gebastelte Umlenkrollen verbindet. Gabriela Wieboldt und Anika Heintze aktivieren mit der Fußmaschine einer großen Trommel und einem Schlegel eine wassergefüllte Klangschale. Das herausspritzende Wasser landet auf Löschpapieren. Jeder Wasserspur fließt schwarze Tinte nach, in skurrilen Verläufen.
„Der Anfang war ganz schön schwer“, sagt Gabriela. „Wir wussten nicht, wie wir das anfangen sollten, weil die Gleichzeitigkeit von Bewegung und Musik für uns unvorstellbar war.“ Das ging manchen so. „Die Idee zu entwickeln, dieser Kampf des Künstlers: Wie mache ich das? – das war eine große Herausforderung“, sagt Elke Deeken von Klex.
Diese Hürde gemeistert haben auch Nanno Droenner und Simon Rudolph, die eine „musizierende Schreibmaschine“ erstehen lassen. Simon sagt: „Das Festival erweitert unseren Sinn für Kunst, ich finde es auch toll, einen Künstler kennenzulernen, und es ist eine schöne interaktive Arbeit, die die Klasse zusammenbringt, auch über gegenseitige Hilfe. Wir lernen uns anders kennen.“ Künstler Daniel Theilen ist begeistert: „Es ist ein ganz anderes Herangehen und ein supertolles Projekt. Der Funke ist übergesprungen.“
Die Landschaftsmalerei kommt trotzdem noch dran. „Aber die Möglichkeit wollten wir den Schülern geben, solche Ideen zu entwickeln und Lösungen dafür zu finden“, sagt Ortrud Reuter-Kaminski. Selbst der Druck, genau zur Ausstellung fertig zu werden, sei prima: „Zuverlässigkeit unter Druck und Stress, das nützt einem.“
