OLDENBURG - Kinder und Erwachsene mit Halb- oder Querschnittslähmungen oder Menschen mit fehlenden Gliedmaßen – das ist der alltägliche Anblick, mit dem Dr. Imad Khudhair Hadi in der irakischen Hauptstadt Bagdad umzugehen hat. Etwa 30 Millionen Menschen leben in der Metropole. Jeder Zehnte ist von einer Verletzung aus den Kriegen der vergangenen Jahrzehnte betroffen. „Wir wollen sie so fachkundig wie möglich verarzten und versorgen. Ich bin in Oldenburg, um weitere Kontakte zu knüpfen“, berichtet der 46-Jährige.
Hadi hat sich die Betreuung der Kriegsverletzten zur Aufgabe gemacht. Seit 2003 leitet er eines von zwei renommierten Rehabilitationszentren in Bagdad, seit 1994 arbeitet er dort. „Wir mussten das Zentrum seit 2003 wieder aufbauen, nachdem es durch die Kriege komplett ausgeplündert wurde. Jetzt sind wir auf einem guten Stand und wollen uns weiterentwickeln“, berichtet Hadi. Zwischen 300 und 400 Menschen werden täglich in seinem Zentrum behandelt, etwa 70 davon sind Kinder. Drei Allgemeinmediziner und drei Fachärzte für Rehabilitationsmedizin sowie 70 Physiotherapeuten und 40 Orthesentechniker stemmen diese schwere Aufgabe.
Damit sich das Zentrum weiterentwickelt, sucht Hadi die enge Zusammenarbeit mit der Universität Oldenburg und Monika Ortmann. Im Jahr 2009 startete das wissenschaftliche Projekt zur Zusammenarbeit mit dem Irak an der Humboldt-Universität in Berlin, 2010 holte es Prof. Dr. Monika Ortmann an die Uni nach Oldenburg. „Danach haben wir ein Jahr lang unseren Besuch in Bagdad geplant“, erinnert sie sich. Gemeinsam mit Carl Heemsoth reiste sie im September vergangenen Jahres in den Irak, machte sich ein Bild von den schwierigen Verhältnissen. „Straßen und Gebäude sind zerstört, Materialien, die dringend gebraucht werden, kommen erst mit langer Verspätung an“, erinnert sich die Sonder- und Rehabilitationspädadogin.
„Es gibt so viele Leute mit Amputationen, da brauchen wir viele Materialien wie Prothesen und Orthesen. Es gibt aber nur eine begrenzte Anzahl an qualifizierten Leuten“, so Hadi. Deswegen gebe es eine lange Warteliste für Patienten. Diese kürzer werden zu lassen, sei ein weiteres Ziel, dass sich Hadi mit seinem Zentrum auf die Fahnen geschrieben hat.
Hadi ist der erste irakische Wissenschaftler an der Universität. Sein Vortrag am kommenden Mittwoch (siehe Infokasten) soll die Gäste für die Situation sensibilisieren und zur Unterstützung aufrufen. Gemeinsam mit Ortmann verfolgt Hadi weitere Ziele. Im nächsten Juli soll es eine Konferenz geben, mit irakischen und deutschen Wissenschaftlern. Ständiger Erfahrungsaustausch und ein breites Netzwerk seien wichtig, so Hadi.
In der Zukunft möchte er zudem einen sechswöchigen Fortbildungskurs für 20 irakische Physiotherapeuten in Deutschland anbieten. Dafür geht es während seines Aufenthaltes, der bis zum 17. Februar andauert, nach Bremen. „Letzte Details sollen geklärt werden“, so Hadi. Monika Ortmann wird diesen Prozess wissenschaftlich begleiten.
Damit er selbst bei allem Engagement privat vernünftig leben kann, hat er noch einen zweiten Job angenommen. „Der Verdienst im Irak ist sehr gering. Von 7 bis 15 Uhr bin ich im Rehabilitationszentrum, von 16 bis 22 Uhr arbeite ich in einer privaten Klinik“, berichtet Hadi. Doch die Unterstützung der hilfsbedürftigen Menschen erfordere Zeit – und Oldenburger Unterstützung.
