OLDENBURG - Schleichend wurde Michels Augenlicht immer schlechter. Eines Tages, als ich drei oder vier Jahre alt war, habe ich zu meiner Mutter gesagt, Mama, mach doch mal das Licht an, es ist so dunkel. Aber es war schon an, sagt Michel. Aber ich habe das damals gar nicht richtig gecheckt, dass das wirklich ,blind war.
Wenn Michel Behrens heute an den beliebten Bühnenabenden der IGS Helene-Lange-Schule auf sein Schlagzeug hämmert, kommt keiner darauf, dass der Elfjährige nichts mehr sehen kann. In seiner Orchesterklasse ist der Sechstklässler gut integriert, in der großen Schule bewegt er sich mit seinem weißen Stock ziemlich sicher zwischen all den Räumen. Manchmal nehmen ihn auch Kinder dabei an die Hand und helfen ihm. Nachmittags geht Michel zwei bis dreimal in der Woche zum Rudern mit dem ORVO am Achterdiek. Als wir gebaut haben, lagen da vier- bis fünf Meter hohe Sandberge. Da sind die Kinder hochgeklettert. Michel war der Erste, der voll drauflos gelaufen ist und wieder unten war, erzählt Janine Mengers, die Michel als Integrationsassistentin seit der zweiten Klasse betreut (abwechselnd mit zwei Kollegen), auch das Material für die Lehrkräfte und den Stoff für den Blinden-PC mitaufbereitet und vieles tastbar macht. Sie sagt: Seine Mama ist toll, sie lässt ihn machen und schränkt ihn nicht ein. Michel rennt auch auf dem Schulhof mit den Kindern durch den Wald ohne seinen Stock, und es passiert nichts. Das ist beeindruckend. Im Unterricht komme er in einem Fach wie Mathe inzwischen super alleine zurecht.
Schulleiter Diedrich Smidt sagt: Als blinder Schüler ist Michel kein Integrationskind im klassischen Sinne. Er wird zielgleich unterrichtet. Die nächste Blindenschule im Land wäre in Hannover gewesen. Finanziell wird die nötige Förderung getragen von der Stadt, in der Regel über Selam, Hilfe kommt auch vom Mobilen Dienst für sehbehinderte und blinde Schüler.
Dabei ist natürlich nicht alles einfach. Die Zeit in der Grundschule beschreibt Janine Mengers als sehr schwierig, die Lehrer seien wenig kompromissbereit gewesen. Doch Michel erhielt eine Realschul-Empfehlung und wurde in die IGS gelost. Seitdem geht es ihm besser. Denn hier gibt es hilfsbereite Lehrer, Betreuer und Mitschüler. Was an der Tafel steht, wird von den Schülern vorgelesen oder gut beschrieben.
Trotz der Anstrengungen von so vielen Seiten sei es sicher nicht immer leicht für die anderen, mit einem Blinden umzugehen, in der Pause fühle ich mich manchmal recht alleine, sagt Michel. Das könne auch an ihm liegen: Ich habe bestimmte Charakterzüge und rede viel über Computer, ich bin ein Technik-Freak, wie mein Papa. Außerdem habe ich ja richtig gute Freunde. Sein Klassenkamerad Linus sagt: Dass Michel blind ist, ist etwas komisch für uns. Es hat Vor- aber natürlich vor allem Nachteile. Manchmal denken wir, dass er nicht so leicht Ärger bekommt wie wir. Aber er kann den Klassenlehrer nicht sehen, er kann uns nicht sehen, er kann seine Freunde, seine Familie und seinen kleinen Bruder nicht sehen, das ist hart.
Der Elfjährige hat gelernt, damit umzugehen. Er ist aufgeweckt und meistens fröhlich. Michel sagt: Ich bin sehr froh, dass ich an dieser Schule sein kann.
