OLDENBURG - Die Wissenschaftlerin kommt aus Bonn. An der Uni übernimmt sie einen Lehrstuhl.
Von Sabine Schicke
OLDENBURG - Wer Mathematik schon immer für überflüssige Gleichungen mit Unbekannten gehalten hat, die obendrein zu schlechten Noten führen, der sollte unbedingt Dr. Angelika May kennen lernen. Die 42-jährige Professorin übernimmt in diesem Semester einen Lehrstuhl für Versicherungsmathematik an der Universität Oldenburg. Und damit erfüllt sich für sie ein Karrierewunsch, für den sie von Bonn ins Johannisviertel zieht und eine Wochenendehe in Kauf nimmt.„Das Schulfach Mathematik hat mit meiner Disziplin wenig zu tun“, erläutert sie. Allerdings wusste sie schon seit der siebten Klasse an ihrem Mainzer Mädchengymnasium, dass sie Mathematikerin werden wollte, auch wenn die Eltern sie eher als Juristin sahen.
Ihre Begeisterung für Mathematik durchlief mehrere Stadien. Es begann – sozusagen – mit dem kleinen Einmaleins. Zunächst faszinierte sie die absolute Beweisbarkeit: etwas stimmt oder stimmt nicht. Mit dem Können kam die wahre Faszination ins Spiel: „Mathematik ist wie ein gutes Schriftstück, voller Schönheit komponiert, wenn man die Sprache versteht.“
Angelika May wäre nicht Universitätsprofessorin, würde sie die Sprache nicht verstehen. Doch inzwischen geht es ihr vor allem um angewandte Mathematik. Sie will mit den Methoden ihrer Disziplin dazu beitragen, dass die Probleme in der Wirtschaft und in der Gesellschaft kalkulierbarer und lösbarer werden.
Dabei hilft ihr ein relativ junges Teilgebiet der Mathematik, die Stochastik. „Dabei geht es um die Kunst des Mutmaßens, das hat nichts mit Kaffeesatzleserei zu tun“, sagt sie über die Berechnung von Wahrscheinlichkeit bei Zufallsexperimenten, zeitlichen Entwicklungen und Strukturen. „Aufgrund von Daten lassen sich etwa Risiken berechnen und abfedern.“ Da das Spezialgebiet von Professor May die Versicherungs- und Finanzmathematik ist, gilt das besonders für große Unternehmen aus der Finanzwelt.
Ihre Karrierestationen sind u.a. die Universitäten Darmstadt, Mainz, Heidelberg, München und Siegen. Außerdem sammelte sie international Erfahrungen in Bergen/Norwegen und Cornell University/USA. Sie war Mitglied mehrerer hochkarätiger Fachkommissionen und Forschungsprojekte, in denen marktorientiert gearbeitet wurde.
Dennoch hat sie sich ganz bewusst für die Universität und nicht für ein großes Unternehmen – etwa aus der Versicherungsbranche – entschieden. Das wissenschaftliche Arbeiten, die Ausbildung des Nachwuchses und der Kontakt mit der Wirtschaft bedeuten ihr viel.
Auch die Entscheidung für Oldenburg fiel nicht nach dem Zufallsprinzip: „An dieser Universität ist die Versicherungsmathematik sehr gut aufgestellt, und so finde ich eine ideale Heimat.“ Und die Stadt gefällt ihr auch.
