Oldenburg - „Man belügt sich selber und die anderen, ich habe mich versteckt, die ganze Zeit“, sagt Klaus. Der 57-Jährige hat sein Versteckspiel seit einem Jahr aufgegeben. Er besucht die Alphabetisierungskurse und die offene Lernwerkstatt der VHS und geht offen mit seiner Schwäche um. An diesem Vormittag steht er mit seinen Mitstreitern und dem Alfa-Mobil am Lefferseck und informiert über die Arbeit der ABC-Selbsthilfegruppe der VHS.
Meister des Kaschierens
Jeder und jede hier hat eine andere Geschichte und einen anderen Grund, warum sie nicht lesen oder schreiben konnten. Aber alle haben sich auf den Weg gemacht. Bei Klaus war es eine Erkrankung, die schon in der Grundschule diagnostiziert, aber nicht geheilt werden konnte. Bis zum Schreiben hat er es deshalb nie gebracht. „Mich hat man durchgeschleust, aber eigentlich links liegen gelassen“, sagt er. „Lesen ging, aber nicht schreiben, aber rechnen konnte ich.“
Solche Erfahrungen gehen nicht spurlos an einem Kind vorbei: „Das hat mich sehr traurig gemacht. Dafür ist man in dem Alter ja empfänglich.“ Bis zum 15. Lebensjahr saß er seine Zeit in der Hauptschule ab, dann machte er eine Dachdeckerlehre. Weil er bis auf das Schreibproblem gut war, bekam er sogar den Gesellenbrief. „Mit 18 habe ich dann ganz aufgehört zu schreiben, meine damalige Frau hat das übernommen.“
Der Kampf ging weiter, denn auch für den Meister des Kaschierens gab es manchmal keinen Ausweg mehr: „Ich war 15 Monate beim Bund und musste als Wachhabender ins Wachbuch eintragen. Ich wollte mich verdrücken, aber das ging nicht. Ich wurde von allen ausgelacht.“ Er ging zur AEG: als Materialbeschaffer, Gießer, stellvertretender Hochofenführer und Gabelstaplerfahrer. Auch bei der AEG musste er hin und wieder etwas schreiben. „Da hieß es: Bist du Ausländer? Dann haben alle gelacht. Das war mir so peinlich. Ich habe immer versucht, mich zu verstecken und mich geschämt.“
Angst vorm Arztbesuch
Auch zum Facharzt traute er sich nicht: „Wenn man da das erste Mal hingeht und das Formular ausfüllen muss: Davon habe ich schon im Vorfeld aus lauter Angst Magenkrämpfe und Depressionen bekommen.“
Weil es nicht mehr zum Aushalten war, hat er sich zuletzt seiner Hausärztin anvertraut und ist das Problem angegangen. Am Anfang war das schwer. Bei öffentlichen Terminen hat sich Klaus als Friedrich vorgestellt, Fotos waren nicht möglich. Auch seinen ersten Artikel in der ABC-Zeitung „XXX“ verfasste er im November 2017 noch unter einem Pseudonym. Aber jetzt steht er dazu: „Ich will die Leute aufrütteln, auch dass sie sehen: Guck’ mal, der hat das auch geschafft. Damit es auch für sie endlich vorbei ist, dass man am Bahnhof steht und nicht weiß, in welchen Zug man steigen muss.“
Soziale Sicherung droht
VHS-Mitarbeiter Achim Scholz betreut die Teilnehmer der Alphabetisierungskurse seit Jahren. Er sagt: „Viele haben gesundheitliche Probleme. Der Auslöser der Angst und ihrer Folgen ist aber oft ihr mangelndes Lese- und Schreibvermögen.“ Diese möglichen Zusammenhänge müssten vielleicht auch im Gesundheitsbereich stärker wahrgenommen werden.
Scholz geht davon aus, dass „bundesweit 99 von 100 Betroffenen“ von den Hilfsmöglichkeiten nicht erreicht werden. „Wir müssen in den Lebensbereichen der Betroffenen präsenter sein – im Jobcenter, sozialen Beratungsstellen, Gesundheitseinrichtungen und Stadteilcafés“. Viele hätten sich arrangiert, „weil sie sehen oder denken, dass sie die Lücke nicht mehr schließen können“.
Auch mit Blick auf die jüngere Generation lohne sich der Einsatz: „Die Digitalisierung stellt immer höhere Anforderungen. Wir müssen die jüngeren Leute damit erreichen, weil sie sonst in die soziale Sicherung fallen.“
Leben radikal verändert
Weil sie diese Arbeit so wichtig findet, unterstützt die Sparda Bank Münster sie seit vielen Jahren. Am Freitag übergab Michael Bruns, stv. Leiter der Sparda Münster, 10 000 Euro für die Alphabetisierungsarbeit der VHS Oldenburg. VHS-Chef Andreas Gögel dazu: „Es grenzt an einen gesellschaftspolitischen Skandal, dass unser Schulsystem es nicht schafft, die nötigen Kenntnisse so zu vermitteln, dass alle die Voraussetzungen für ein unabhängiges Leben haben.“ Selbst jeder fünfte deutsch-muttersprachliche Viertklässler könne nicht richtig lesen und schreiben. Umso weniger verständlich sei die chronische Unterfinanzierung von Alphabetisierung und Grundbildung, die nur mit Spenden möglich sei.
Für Klaus war es ein Riesengewinn, dass er das Angebot nutzen konnte. Er sagt: „Ich verdanke der VHS und ihren Lehrkräften unheimlich viel. Es gehörte Mut dazu, aber es hat sich gelohnt. Mein ganzes Leben hat sich seitdem verändert, mein Selbstwertgefühl, meine Angstzustände, zum ersten Mal kann ich erhobenen Hauptes überall hingehen.“
