Ehrenamtliche Tätigkeiten sind nach meiner Meinung gar nicht hoch genug zu bewerten. Meine heutige Gesprächspartnerin Eltje Fricke hat für ihre ehrenamtlichen Leistungen schon mehrere Auszeichnungen erhalten. 2003 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Zwei Jahre später erhielt sie aus der Hand des damaligen Ministerpräsidenten Christian Wulff einen Sonderpreis in der Kategorie „Soziales Engagement“, und im gleichen Jahr wurde sie in Ganderkesee zum „Mensch des Jahres“ gekürt.

Beim Betreten des Grundstückes sehe ich eine lebensgroße Skulptur eines Stieres. „So ein Stier steht auch vor der Frankfurter Börse und bedeutet steigende Kurse, weil ein Stier von unten nach oben stößt. Das entspricht auch meiner Lebenseinstellung: Immer positiv denken. „Wenn irgendetwas nicht klappt, dann versuche ich es eben noch einmal“, erklärt mir Eltje Fricke. Nach unserem Gespräch weiß ich: Ohne diese Einstellung wäre ihr Lebensweg vielleicht anders verlaufen.

Vor wenigen Tagen ist Eltje Fricke 76 Jahre alt geworden. Wie es ihr Vorname vermuten lässt, ist sie in Ostfriesland geboren und aufgewachsen. Ihr Vater hatte sich vom Tischlermeister zum Architekten hochgearbeitet, ihre Mutter war gelernte Zahntechnikerin. Da in ihrer frühen Kindheit beide Elternteile berufstätig waren und sie keine Geschwister hatte, war Eltje viel alleine zu Hause. „Das hat mir nicht immer gefallen“, verrät sie mir. Dafür liebte sie das Meer und mochte gern mit den vielen Nachbarskindern auf der Straße spielen. „Da gab es kein Arm oder Reich, alle Kinder waren gleich. Eine wunderschöne Zeit“, blickt Eltje zurück.

Doch mit dieser unbeschwerten Zeit sollte es bald vorbei sein. Eltje ging schon zum Gymnasium, als ihr Vater schwer erkrankte. Es war selbstverständlich, dass sie ihren Vater mitpflegen musste. Als sie zwölf Jahre alt war, starb ihr Vater. Die Mutter hatte inzwischen ihren Beruf aufgegeben, und so wurde das Geld knapp. Der Besuch des Gymnasiums war nicht mehr möglich.

Durch verwandtschaftliche Beziehungen wurde ihr eine Lehrstelle als Krankenschwester im Krankenhaus in Hage besorgt. Eltje war gerade 17 Jahre alt, und es war alles andere als ihr Wunschberuf. „Ich konnte das Leid der Menschen nicht ertragen. Durch ihre positive Einstellung hielt sie durch und machte 1956 einen sehr guten Abschluss. Während dieser Zeit lernte sie auch ihren späteren Ehemann, den Großhandelskaufmann Franz Fricke, kennen. 1959 wurde geheiratet, und schon zwei Jahre später zogen sie in ihr Eigenheim in ihrer Heimatstadt Norden. Die vier Kinder Wilke (1961), Susanne (1962), Heike (1964) und Weert (1968) machten die Familie komplett.

Dann wurde Franz Fricke arbeitslos. Er bekam das Angebot einer neuen Arbeitsstelle, aber damit war ein Umzug notwendig. „Das machen wir!“– mit diesen Worten unterstützte Eltje ihren Mann. Schweren Herzens verließen sie die geliebte Heimat. Ihr Mann kannte Ganderkesee, und so bauten sie hier 1972 ihr neues Haus. Um Geld dazu zu verdienen, arbeitete Eltje in der Landwirtschaft. „Es hat mir viel Spaß gemacht“, sagt sie.

Sorgen machte sie sich wegen ihrer Kinder. Ihre älteste Tochter konnte nicht richtig lesen. Als sich diese Schwäche auch bei ihrer zweiten Tochter zeigte, ging sie der Sache auf den Grund. Zum ersten Mal hörte sie von einem Lehrer den Begriff „Legasthenie“. Zusammen mit Ehemann Franz, dem damaligen Realschuldirektor Günther Boyn, Förderschul-Leiter Adolf Meyer und einigen anderen gründete sie 1974 die Elterninitiative Legasthenie Ganderkesee (ELG).

1983/1984 absolvierte Eltje Fricke noch die Ausbildung zur Lerntherapeutin. Noch heute gibt sie Förderunterricht an verschiedenen Schulen – unter anderem in Ganderkesee, Hude und Harpstedt. Zusätzlich gibt sie Förderunterricht in ihrem Haus.

Für diesen Einsatz bekam sie die oben erwähnten Auszeichnungen. Über eine andere, ganz besondere, freut sie sich noch mehr: „Plötzlich stand ein junger Mann, den ich nicht kannte, mit Blumen vor mir. Er hatte gerade sein Abitur mit Auszeichnung gemacht und wollte sich bei mir bedanken für den Förderunterricht, den er im zweiten Schuljahr bekommen hatte.“ Ich erfahre, dass diese Geschichte typisch ist, weil sie belegt, dass Legasthenie keineswegs das Ende einer normalen Schulkarriere bedeuten muss.

„Gibt es neben dem Förderunterricht noch weitere Hobbys?“, wollte ich wissen. „Ich fahre leidenschaftlich gerne Auto“, so Eltje Fricke. Die Strecke zu einem ihrer Kinder nach Salzburg fährt sie alleine, und es macht ihr unendlich viel Spaß.

Eltje Fricke, Lerntherapeutin und Mitbegründerin der Elterninitiative Legasthenie Ganderkesee