Herr Reimers, die Oberschule Rodenkirchen will weg vom traditionellen 45-Stunden-Rhythmus. Warum?
ReimersDie Hirnforschung hat herausgefunden, dass es ineffektiv ist, gegen den eigenen Biorhythmus zu leben. Wer in schneller Abfolge Neues lernt, kann es nicht so gut im Langzeitgedächtnis speichern, als wenn er Zeit hat, es zu vertiefen. Und aus Sicht der Schulforschung brauchen Schüler einerseits eine verlässliche zeitliche Abfolge von Aktivitäten, andererseits aber auch flexible Möglichkeiten, eigene Lernwege zu finden und das eigene Lerntempo berücksichtigt zu wissen. Das wollen wir ihnen bieten.
Wie sieht der neue Stunden-Rhythmus aus?
ReimersAb dem neuen Schuljahr beginnt der Vormittag mit zwei 80-Minuten-Blöcken, dem ein 40-Minuten-Block und ein weiterer 80-Minuten-Block folgen.
Vermutlich arbeiten die Schüler im 80-Minuten-Block anders als im 40-Minuten-Block?
ReimersIn den 80-Minuten-Blöcken findet Fachunterricht statt, im 40-Minuten-Block, den wir vier Mal wöchentlich anbieten, wird das Eigenverantwortliche Arbeiten – kurz EVA – angeboten. Das sind Arbeits- und Übungsstunden, die den Lernerfolg verbessern sollen. Die Schüler können in ihrem eigenen Lerntempo wichtige Schulaufgaben bearbeiten, für Tests lernen oder Gelerntes vertiefen und sichern. Die Hausaufgaben sollen damit weitestgehend entfallen.
Sind die längeren Stunden nicht eine zusätzliche Belastung für Schüler und Lehrer?
ReimersIm Gegenteil: Es ist eine Entlastung für beide. Die Schüler können sich auf weniger Fächer am Tag konzentrieren, und die Lehrer haben weniger Schülergruppen und können sich intensiver mit einzelnen Schülern beschäftigen, sie besser fördern oder auch fordern. Das ist vor allem in Bezug auf die Inklusion und die damit verbundene Zieldifferenzierung wichtig.
Was sagen die Schüler zu der Veränderung?
ReimersSie haben ja schon seit der Einführung der Oberschule vor zwei Jahren täglich einen 90-Minuten-Block in der dritten und vierten Stunde, und ein EVA-Modell testen wir auch. Denn es ist ja klar, dass wir nach der Einführung der Ganztagsschule nicht einfach im alten Takt weitermachen konnten, sondern unseren Schülern mehr Zeit für offenes und selbstständiges Arbeiten bieten wollten. Selbstverständlich muss und wird es den Frontalunterricht weiter geben, aber er wird ergänzt um neue Formen des Unterrichts.
Gibt es Vorbilder für den neuen Rhythmus?
ReimersSeit Einführung der Oberschule nehmen wir am bundesweiten Netzwerk Ganztagsschule teil, in dem wir unsere Ideen im Austausch mit Schulen aus ganz Deutschland entwickelt haben. Hier haben wir gemerkt, dass der Trend ganz klar zu Langzeitmodellen geht, und sich diese auch schon bewährt haben. Mit den Fachkonferenzleitern haben wir eine Modellschule in Ihlow (Ostfriesland) besucht, die den gleichen Stundenrhythmus hat. Vor einigen Wochen hat unsere Gesamtkonferenz aus Lehrern, Eltern und Schülern mit großer Mehrheit dafür gestimmt. In den nächsten Monaten werden die Lehrkräfte ihren Unterricht an das neue Modell anpassen und weiterentwickeln.
Wie lange gibt es eigentlich schon den 45-Minuten-Takt?
ReimersSeit mehr als 100 Jahren. Das preußische Kultusministerium hat ihn am 22. August 1911 eingeführt.
Gibt es noch Hindernisse auf dem Weg zu seiner Abschaffung in Rodenkirchen?
ReimersSorgen macht uns noch der Schülertransport, denn durch den neuen Rhythmus verändern sich auch die Abfahrtszeiten der Busse. Da sie überwiegend im Linienverkehr fahren, können sie nicht kurzfristig geändert werden. Es kann daher sein, dass wir bis zur Anpassung des Busverkehrs noch eine Übergangslösung brauchen.
