Ganderkesee/Bremen - „Ich habe aktuell im Studium häufig Situationen, in denen ich feststelle, dass ich das, was ich lernen soll, schon kann. Das verdanke ich meinem Praktikum in Chile – das Jahr hat sich also auf jeden Fall gelohnt“, sagt Katharina Winzinger entschlossen.
Die 23-jährige Studentin aus Ganderkesee studiert in Bremen im siebten Semester Global Management. In diesem Studiengang sind zwei Auslandssemester verpflichtend. Nach zwölf Monaten in Valparaiso und Santiago de Chile ist sie erstmals wieder in Ganderkesee zu Besuch.
„Aufgrund der Studentenproteste bin ich bereits nach sechs Wochen von Valparaiso nach Santiago de Chile gewechselt“, erzählt Winzinger. Auch heute würden die Studenten die Vorlesungen noch wegen der schlechten Studienbedingungen bestreiken.
„Das erste halbe Jahr habe ich dann auf dem Campus in Santiago studiert.“ Während ihres Praktikums in der zweiten Halbzeit habe sie aber weit mehr gelernt als an der Uni. Die 23-Jährige war bei Ernst & Young in der Wirtschaftsprüfung tätig. Dort gehörte es zu ihren Aufgaben, kleinere Wirtschaftsprüfungen bei Mandanten durchzuführen – wohlgemerkt: in der Arbeitssprache Spanisch. „Mit dem Spanisch der Chilenen ist das so eine Sache – die sprechen sehr schnell und verschlucken viele Silben“, berichtet die Studentin.
Sie sei sehr gut von ihren Arbeitskollegen aufgenommen und ernst genommen worden. „Sie sind ein voller Mitarbeiter“, habe es anfangs geheißen. Die Arbeitskultur in Chile sei aber doch sehr anders als die deutsche. „Wenn meine chilenischen Arbeitskollegen nicht beaufsichtigt wurden, kamen die zur Arbeit, wann die wollten – Pünktlichkeit ist Auslegungssache“, so Winzinger. Auch dass sich in Chile weibliche und männliche Geschäftspartner mit Küsschen auf die Wange begrüßen, sei für sie gewöhnungsbedürftig gewesen – gerade bei neuen Mandanten.
„Es war für mich auch schwierig, dass die chilenische Gesellschaft sehr verschlossen ist“, sagt die 23-Jährige. Es sei nicht einfach, in bestehende Freundeskreise hineinzukommen.
Katharina Winzinger hat aber auch viel Positives zu berichten. „In Chile gehen die Menschen mit allem etwas lockerer um, und es muss nicht alles geplant werden.“ In Deutschland müsse man ja drei Wochen vor einer Verabredung anfragen. Die chilenische Mentalität gefalle ihr da besser.
Gefallen haben ihr auch die vielen Reisen, die sie unternommen hat. So war sie unter anderem in der Atacamawüste, im Elqui-Tal und im Nationalpark Torres del Paine in Patagonien. „Das Wandern entlang von Gletschern und Seenplatten war atemberaubend“, sagt sie. Neben zahlreichen Städtetrips ist sie auch nach Uruguay, Argentinien, Bolivien, Peru und Kolumbien gereist.
„Neben den Sprachkenntnissen habe ich vor allem gelernt, Geduld zu beweisen – ich war vorher ein sehr ungeduldiger Mensch“, sagt Katharina Winzinger. Wie blöd die Situation auch sei, man lerne damit zurecht zu kommen, so die 23-jährige Studentin aus Ganderkesee.
