Stratford/Rastede - Wenn man in fünf Minuten durch den Ort fahren kann, drei Viertel der Bewohner über 50 Jahre alt sind und man in drei Läden und einem Supermarkt das Nötigste einkaufen kann, dann befindet man sich nicht in Rastede. Nein, man befindet sich in Stratford, einem kleinen Ort im Westen der Nordinsel in Neuseeland.
Ich möchte heute ein bisschen über den Ort erzählen, in dem ich mein Jahr nach dem Abitur verbringe. 1564 wurde William Shakespeare in Stratford upon Avon in der Nähe von London in Großbritannien geboren.
Im Jahr 1877, zu einer Zeit, als viele Städte in Neuseeland nach berühmten britischen Menschen benannt wurden, beschloss man, Stratford in der Region Taranaki dem Dramatiker zu widmen. Man nannte den Ort Stratford upon Patea (nach dem Fluss, der durch Stratford fließt) und benannte 67 Straßen nach Namen und Plätzen, die mit Shakespeare zu tun haben. So leben meine Nachbarn in der Juliet St und Hamlet St und ich kann stolz behaupten, dass ich am Broadway arbeite und lebe.
Stratford schafft es manchmal in die Touristenführer, weil die Stadt über das einzige Glockenspiel in Neuseeland verfügt. Zu bestimmten Zeiten öffnen sich die Türen des Glockenturms und Romeo und Julia treten hinaus und zitieren die weltbekannten Zeilen aus dem Theaterstück. Ich habe es mir einmal gesehen und kann sagen: Dafür muss man nicht nach Stratford kommen.
Es gibt aber einen anderen Grund, um in das Herz der Region Taranaki zu reisen: ein 3000 Meter hoher Vulkan, der sich direkt vor der Haustür befindet. 18 Kilometer ist der Egmont Nationalpark entfernt. Innerhalb von einer Viertelstunde kann man von dem Parkplatz zu dem Skifeld wandern und die Aussicht auf Stratford und Umgebung bewundern. Im Sommer haben wir uns schon vorgenommen, den Gipfel zu erklimmen.
Whakaahurang ist der maorische Name Stratfords und bedeutet: Gesicht zum Himmel. Und auch ich kann die Bilder, die ich von dem Berg geschossen habe, nicht mehr mit beiden Händen abzählen. Ob im Morgen- oder Abendrot oder mit Wolken umrandet, der Umriss des Vulkans lässt mich immer wieder staunen.
Es gibt aber auch immer mal wieder regnerische Tage – oder besser gesagt: Wochen –, in denen Wolken die Sicht auf den Vulkan versperrten. Der Winter und Frühling in Neuseeland sind sehr regnerisch. Nun wird es aber langsam Sommer und wenn in Rastede die Blätter von den Bäumen fallen, blüht es hier an allen Ecken.
Durch den Kauf eines Autos konnten wir schon viele Wochenendtrips unternehmen. So waren meine kanadische Mitfreiwillige und ich schon Ski fahren und haben die naheliegenden Städte, Berge, Wanderwege und Strände erkundet. Zudem können wir jederzeit nach New Plymouth fahren. Das ist der nächstgelegene, größere Ort mit 40 000 Einwohnern direkt an der Westküste.
Wer jetzt denkt, dass ich viel Geld besitzen muss, weil ich mir ein Auto leisten kann, hat sich getäuscht. Wir haben für umgerechnet knapp 700 Euro einen 24 Jahre alten Nissan Primera gekauft, dessen Bremsen quietschen und dessen Heckklappe keinen Lack mehr besitzt.
Da ich an den Wochenenden meistens nicht in Stratford bin, stört es mich nicht, dass ich in einem so bescheidenen Örtchen gelandet bin. Ich kann unter der Woche an Fitnesskursen teilnehmen oder schwimmen gehen. Auch die Schüler und Lehrer an meiner Schule sind nett und ich fühle mich hier wohl.
