RODENKIRCHEN - Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs setzt sich Udo Zempel für die Versöhnung zwischen Osteuropäern und Deutschen ein. Vor allem ein gutes, nachbarschaftliches Verhältnis mit Polen liegt ihm dabei sehr am Herzen. Und so fällt der Beginn des Schüleraustausches zwischen dem polnischen Königin-Jadwiga-Lyzeum in Warschau und Schulen aus der Wesermarsch in seine Amtszeit als Landrat in den 80er-Jahren.
Doch nun sieht der 85-Jährige ein Lebenswerk bedroht. Immer mehr polnische Jugendliche schauen sich nach seinen Worten lieber weltweit Sehenswürdigkeiten an, statt in die Wesermarsch zu reisen. Der Kapitalismus sei in Polen angekommen, sagt Udo Zempel ohne Groll. „Ich befürchte, dass der Austausch in Zukunft nicht mehr stattfindet.“
Als Landrat und Landtagsabgeordneter hatte Udo Zempel, der im Zweiten Weltkrieg schwer verwundet worden war, mehrfach auch Polen bereist und direkte Kontakte geknüpft. 1983 lernte er die Deutschlehrerinnen Eva Sobczek und Eugenia „Ola“ Narkiewicz kennen, die an der Warschauer Oberstufenschule unterrichteten.
Viele Freundschaften
Nach vielen Hürden fand endlich im Jahr 1988 der erste Schüleraustausch statt. „Wir brachten sie im Braker Seemannsheim unter“, erinnert sich Udo Zempel. Schüler der Gymnasien aus Nordenham und Brake erwiderten in den darauffolgenden Jahren immer wieder die Besuche. „Es gibt viele Freundschaften, die nach den Besuchen gehalten haben“, merkt Udo Zempel an. Seit 2002 seien es nun Schüler der Zinzendorfschule Tossens, die in Begleitung der Pädagogen Andrea und Klaus Turmann die Hauptstadt Warschau besuchten oder polnische Gäste in Butjadingen betreuten.
Udo Zempel wird nicht müde, für die weitere Partnerschaft zu werben. Es sei so wichtig, den Austausch zu unterstützen und zu fördern, die jungen Menschen zu begeistern, sagt der überzeugte Europäer. Man müsse mit den Eltern und den Schülern beider Seiten sprechen und sie von der Notwendigkeit überzeugen, sich besser kennenzulernen. Das aber scheine immer schwieriger zu sein. Alle Menschen seien doch froh und glücklich darüber, in einem friedlichen Europa über Ländergrenzen hinweg zu leben. Das müssten doch alle Generationen verinnerlichen.
Vor wenigen Wochen hat Udo Zempel seine Freunde in Polen besucht. Er lernte dabei auch die neue Direktorin des Lyzeums Violetta Michalik kennen. Leidenschaftlich appellierte er dafür, an dem Schüleraustausch festzuhalten. Eva Sobczek und Ola Narkiewicz unterstützten ihn dabei. Ob es gefruchtet hat, bleibt nach seinen Worten abzuwarten. Die Bereitschaft jedenfalls sei vorhanden.
Und dann erinnert der 85-Jährige an das sensible Verhältnis der Polen und deren Ressentiments gegenüber dem wiedervereinigten, erstarkten Deutschland. Das Verhältnis sei in den Jahren 2005 bis 2009 aufgrund von Äußerungen deutscher Politiker und Vertriebenen-Funktionäre gestört gewesen. Laut einer polnischen Umfrage empfinde die Mehrheit das Verhältnis zwischen Polen und Deutschland jetzt als gut bis sehr gut. Ein großes Vertrauen sei gewachsen, das sicher andauerte, wenn gegenseitig Störungen unterblieben.
Kaum noch zu begeistern
Auch Klaus Turmann sorgt sich um das polnisch-deutsche Verhältnis. Im September hätte ein Jugendaustausch stattfinden sollen. Er habe den Eindruck, dass es schwieriger werde, nachdem die beiden polnischen Lehrerinnen im Ruhestand sind. Auch deutsche Schüler seien immer weniger dafür zu begeistern, nach Warschau zu reisen. In Tossens jedenfalls sei man trotzdem bereit, den Kontakt nicht abreißen zu lassen. Das würde in einem Brief an die neue polnische Schulleitung bekräftigt. Auf die Antwort sei er gespannt.
Udo Zempel ist skeptisch. „Wir müssen das Verhältnis retten. Es ist jedoch fraglich, ob uns das gelingt.“
