Oldenburg/Berlin - Zeitzeugen und Studenten der Universität Oldenburg diskutierten am Freitagabend im Casablanca-Kino über den Tod des Studenten Benno Ohnesorg in der Nacht zum 3. Juni 1967. Es ging aber auch um die gesellschaftlichen Veränderungen jener Jahre. Der Bogen von der Generation der sogenannten 68er zur heutigen Zeit wurde über die Frage entwickelt, wofür Studenten heute auf die Straße gehen würden. Dazu zählt etwa die Verteilung des vorhandenen Raums in einer Stadt wie Oldenburg. Ein Student erwähnte die monatliche Fahrraddemo „critical mass“, mit der man darauf aufmerksam machen wolle, dass die Straßen nicht nur den Autofahrern vorbehalten seien.
Außer Raphael Heitmann, AStA-Sprecher der Universität Oldenburg, diskutierten am Freitagabend auf Einladung von Casablanca-Geschäftsführer Dr. Detlef Roßmann noch Dr. Thea Dückert, früher Abgeordnete der Grünen im Bundestag, jetzt u.a. Mitglied im Deutschen Normenkon-trollrat und Arne Börnsen, früher Mitglied des Bundestages für die SPD.
Bis auf Heitmann waren alle Zeitzeugen jener Jahre und des langen Trauermarsches für Ohnesorg durch Hannover am 9. Juni 1967: Thea Dückert war Schulsprecherin eines Mädchengymnasiums in Hannover. Roßmann studierte an der Technischen Hochschule Hannover Germanistik, Anglistik, Politik, und Arne Börnsen war dort für Schiffstechnik eingeschrieben.
Sie waren sich einig, dass bis dahin niemand für möglich gehalten hätte, dass in Deutschland jemand bei einem solchen Anlass von einem Polizisten erschossen werden könnte.
Um die Hintergründe der Tat zu beleuchten, hatten die Zuschauer zuvor auf der Kino-Leinwand eine ZDF-Dokumentation gesehen, in der Freunde Ohnesorgs zu Wort kamen, wie etwa der Schriftsteller Uwe Timm, der dem Erschossenen mit seiner Erzählung „Der Freund und der Fremde“ ein Denkmal gesetzt hatte. Beleuchtet wurde in der Dokumentation aber auch die Biografie des Polizisten Karl-Heinz Kurras, der während der Anti-Schah-Demo in Berlin den tödlichen Schuss aus nächster Nähe auf den am Boden liegenden Ohnesorg abgegeben hatte.
Mit Nachrichtensendungen aus der Bundesrepublik und der DDR ergänzte Roßmann die Rückblende. In der Diskussion wurde einmal erörtert, dass in den Endsechzigern besonders in Berlin die Studenten eher verhasst gewesen seien. Nicht zuletzt habe auch die Berichterstattung der Springer-Presse („Bild“ u.a.) dazu beigetragen.
Einig war man sich auch, dass der Tod Ohnesorgs zum folgenden politischen Engagement vieler Schüler und Studenten beigetragen habe. Thea Dückert ist überzeugt, dass die Politisierung auch heutiger Studierender aus der Ruhe heraus wachsen könne und stützte diese Aussage auf soziologische Untersuchungen.
Asta-Sprecher Raphael Heitmann erinnerte an den großen Streik von 2009 und an das Brennpunktthema der Studiengebühren von 2012, als man auf die Straße gegangen sei. Ein Studierender aus dem Publikum reihte auch die Christopher-Street-Day-Parade in diese Tradition ein.
