Sande - Als Dietmar Roth im Herbst 1981 seinen Fuß das erste Mal über die Türschwelle des Jugendzentrums an der Hauptstraße in Sande setzte, war Helmut Schmidt Bundeskanzler. Deutschland wurde durch eine Mauer in West und Ost geteilt, die Sängerin Nena musste noch zwei Jahre auf ihren internationalen Durchbruch mit ihrem Hit „99 Luftballons“ warten. Smartphones waren noch nicht erfunden. Auch das Internet steckte noch in den Kinderschuhen.
Neugierde und das Arbeitsamt hatten den damals Mitte 20-Jährigen ins Jugendhaus getrieben. „Eigentlich wollte ich Soziale Arbeit studieren, einen Studienplatz hatte ich schon“, erinnert er sich. Zwischen Ausbildung und Studienbeginn lagen einige Monate. Roth meldete sich arbeitslos. „Da haben die mir gleich die ABM-Stelle mit Übernahmegarantie angeboten“, sagt er. „Damit habe ich nicht gerechnet.“
Aus der Stelle wurden fast vier Jahrzehnte Jugendarbeit, lange war Roth Leiter. Ende 2017 ging er in Ruhestand. „Mir hat die Arbeit immer gut gefallen – viele Freiräume, sehr gutes Team“, sagt er.
Und die Jugendlichen, wie hat sich die Arbeit mit ihnen verändert? „Es geht immer noch um Schule, Eltern, Ausbildung, mal daneben treten – und um die Liebe“, sagt der Erzieher. „Die Themen sind dieselben, die Rahmenbedingungen nicht.“
Sport und Ausflüge
Computerspiele und Smartphones haben die Welt der Kinder und Jugendlichen komplett auf den Kopf gestellt. „Früher hat man sich mehr getroffen, heute wird viel gechattet“, sagt Roth. Das Jugendzentrum Sande versuche deshalb, Alternativen zum Medienkonsum anzubieten. Sport, Ausflüge, gemeinsam Zeit verbringen. „Und Beratung, Begleitung, Unterstützung“, sagt Roth. „Ganz egal wie die drauf sind, jeder Jugendliche hat eine Stärke.“
Oft benötigten die Kinder und Jugendlichen positive Erlebnisse, das Gefühl, dass sie etwas gut können. „Manche merken schon, dass sie abgehängt sind“, meint er. Ins Jugendzentrum kämen aber Kinder und Jugendliche aus allen Gesellschaftsschichten. „Von der Förderschule oder vom Gymnasium“, sagt Roth. Es habe ihm immer gut gefallen, dass so Kontakte entstehen – und Verständnis für die Lebenswelt der anderen.
Heute seien die Besucher der Einrichtung deutlich jünger als früher. Während die Jugendlichen zu seinen Anfangszeiten zwischen 18 und 24 Jahre alt waren, kommen jetzt schon Zehnjährige. Junge Erwachsene lassen sich dafür selten blicken.
„Von manchen waren schon die Eltern hier im Jugendzentrum“, sagt er. So habe er teils die Lebenswege der Jugendlichen von damals weiter verfolgen können. „Ich freue mich, wenn ich welche von früher treffe.“ Und trotzdem: Der Reiz an seiner Arbeit waren stets das Neue, die Abwechslung und die Gestaltungsmöglichkeiten. „Es kamen ja immer wieder neue Jugendliche zu uns.“ Auf die musste sich das Team dann wieder einstellen. „Das Haus steht ja allen offen.“
Überhaupt habe sich das Jugendzentrum Sande über die Jahre nach außen geöffnet. Inzwischen nutzen viele Gruppen das Haus. Es gibt Elternarbeit, die Ali, die SOS-Beratungsangebote und vieles mehr.
Kurzer Besuch
Auch Roth kehrt manchmal an seine alte Wirkungsstätte zurück, besucht die Jugendlichen und die Mitarbeiterinnen Anke Gerdes-Goroncy und Kerstin Schlage-Pree. „Manchmal mache ich einen kleinen Abstecher, wenn ich vom Einkaufen komme.“
Für die Zukunft des Jugendzentrums wünscht er sich, dass die Angebote aufrecht erhalten werden. „Und dass wieder ein Mann eingestellt wird, der den Jungs ein Vorbild sein kann“, betont er. „Das ist wichtig: die brauchen das und nicht alle haben zu Hause jemanden, der diese Rolle einnehmen könnte.“
