Delhi/Cloppenburg - Sogar nachmittags streunt der kleine Nikhil häufig über den Schulhof der Kalakar Vikas School (KVS), in der ich zurzeit meinen internationalen Jugendfreiwilligendienst absolviere. Der Achtjährige kommt aus Kathputli Colony, einem Slum im Westen Delhis, in dem sich traditionelle Künstlerfamilien aus dem angrenzenden Bundesstaat Rajasthan niedergelassen haben. Vormittags besucht er gut zwei Stunden lang die KVS, eine kostenlose Bildungseinrichtung. Hier lernt er neben Englisch und verschiedenen anderen Themen auch zweimal wöchentlich die Künste der Eltern.

Weil die KVS seit Kurzem nicht mehr staatlich anerkannt ist, müsste Nikhil auf eine staatliche Schule gehen. Während in der KVS zwischen 30 und 40 Schüler aller Altersgruppen in den jeweiligen Klassen sind, unterrichtet ein staatlich angestellter Lehrer deutlich mehr Zöglinge. Da bleibt für den einzelnen Schüler keine Zeit, Lehrinhalte können kaum vermittelt werden. Wer Geld hat, schickt sein Kind auf eine der teuren Privatschulen.

Nikhils Eltern haben dieses Geld nicht. Trotzdem hat ihn seine Mutter von der staatlichen Schule genommen, weil er unregelmäßig hinging und vom Lehrer verprügelt wurde.

Nikhil hatte weder das Glück, in eine reiche indische Familie hineingeboren zu werden, noch in einem wohlhabenden Land wie Deutschland das Licht der Welt zu erblicken. Er ist keiner der Michis und Maxis, die nach der Schule im Idealfall ein warmes Mittagessen aufgetischt bekommen und anschließend ihre Hausaufgaben erledigen.

Eine Lehrerin an der KVS sagt über Nikhil: „Seine Mutter ist froh, wenn er nicht zu Hause ist. Sie gibt ihm morgens zehn Rupien mit und davon kauft er sich dann Nudeln. Seit ich ihn kenne, ist er nicht gewachsen.“ In der Tat ist Nikhil für sein Alter sehr klein und schmächtig. Und dennoch ist er fast den ganzen Tag lang im Slum unterwegs.

Längst nicht alle, aber doch viele Kinder haben in Deutschland ein Zimmer für sich allein, vor allem auf dem Land. Wohnen sie in der Stadt, haben sie in der Regel zumindest eine eigene Wohnung mit ihrer Familie. Die Großfamilien aus Kathpulti Colony wohnen dagegen oft in einem einzigen Zimmer ohne Wasseranschluss.

Nikhil und seine Mitschüler haben keine Gelegenheit, sich nach der Schule oder am Abend zurückzuziehen. Sie sind immer auf Achse. Dabei werden sie oft mit Gewalt konfrontiert. Zugeschlagen wird hier schnell. Auch untereinander prügeln sich die Kinder häufig.

Bei einem Tritt, bei dem ein deutsches Kind wahrscheinlich minutenlang heulen würde, verziehen sie oft keine Miene. Hier herrscht eine Ellbogenmentalität – wer am lautesten schreit, hat häufig die besten Chancen.

Kinder, die eher stiller und friedlich sind, kommen weniger zur Geltung, auch wenn sie intelligent sind. Nikhil gehört immerhin zu denen, die dem Lehrer auch auf der Nase herumtanzen können.

Viele Kinder werden wohl in die Fußstapfen ihrer Eltern treten, die als Künstler mitunter gar nicht so wenig Geld verdienen, wie es ihre Lebenssituation vermuten lässt. Um aber an die Fleischtöpfe in der aufstrebenden Wirtschaft zu kommen, brauchen Kathputlis Kinder neben Talent und Glück einen sehr starken Willen.