Schortens - Ein erschütterndes Thema und so viele Fälle: sexueller Missbrauch von Kindern. Claudia Bonkowske, Leiterin der Grundschule in Sillenstede, zitiert Untersuchungen, wonach es landesweit statistisch in jeder Klasse ein Kind gibt, das missbraucht wird. „Das Thema muss ran an die Kinder. Sie müssen ihre Scham überwinden und verstehen, dass wir Ansprechpartner sind und ihnen helfen.“
„Mein Körper gehört mir“ ist ein Präventionsprogramm der theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück. In mehreren Zweierteams bringen Schauspieler das Thema sexuelle Gewalt und Missbrauch kindgerecht und angstfrei an die Schulen.
Das Projekt ist für Kinder der 3. und 4. Klassen konzipiert und zielt darauf ab, Kindern Mut zu machen, sich nicht einschüchtern zu lassen und sich bei Übergriffen an Personen ihres Vertrauens zu wenden und Hilfe zu suchen.
Die Spielszenen werden in drei Unterrichtsstunden mit wöchentlichem Abstand den Schülern vorgeführt und dabei die Thematik in der Klasse (mit und ohne Lehrer) erörtert. Außerdem wird den Kindern gezeigt, wo sie Hilfe bekommen können.
Das szenische Spiel „Mein Körper gehört mir“ der theaterpädagogischen Werkstatt in Osnabrück hilft seit einigen Jahren dabei, das hochsensible Thema in die Schulen zu bringen und Kindern Mut zu machen, „Nein“ zu sagen. Aber auch, sich Dritten zu offenbaren, wenn zum Bespiel der „nette Onkel“ in Wahrheit ein mieses Schwein ist. Der Verein „Bezahlbare Energie“ hilft mit einer großen Spende erneut, dass das Präventionsprogramm an den Schortenser Schulen stattfinden kann.
Mehr häusliche Gewalt
Auch der Leiter der Grundschule Oestringfelde, Stephan Immega, mahnt, dass besonders in Zeiten der Corona-Krise und mangelnder Freizeitangeboten die häusliche Gewalt zunimmt. Jugendämter und Jugendschutzorganisationen berichteten in Zeiten des ersten Lockdowns, als für Wochen auch der Schulbesuch nicht stattfinden konnte und Kinder zu Hause blieben, von einer Zunahme der Übergriffe. „Wenn so etwas vorkommt, müssen Kinder wissen, dass es Hilfe für sie gibt. Das müssen wir in die Köpfe der Kinder bekommen und dazu ist das Präventionsprogramm ein wichtiger Beitrag.“
Normalerweise sind die Schauspieler der theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück im ganzen Nordwesten unterwegs und bringen mit ihrem Stück das Thema den Kindern der dritten Jahrgänge näher. Coronabedingt ging das in diesem Jahr so gut wie gar nicht, berichtet Sandra Gudehus vom Jugend- und Familienzentrum „Pferdestall“, das in Sachen Sozialarbeit mit den Grundschulen der Stadt eng zusammenarbeitet. So würde das Projekt zum Teil nun in den vierten Jahrgängen nachgeholt.
Schulsozialarbeiterin Sabrina Haufe sieht in dem Präventionsprogramm einen wichtigen Baustein, um das brisante Thema zu enttabuisieren und Kindern klarzumachen, wenn Grenzen zum Missbrauch überschritten werden. Kindern werde so viel genommen im Moment. Ihre Vereine pausieren, der Kontakt zu Freunden ist reduziert. Die Schule sei mehr denn je wichtige Anlaufstelle.
Viele Spenden verteilt
Der Verein „Bezahlbare Energie“ hat im Raum Weser-Ems seit 2016 rund 120 000 Euro an Spenden verteilt, berichtet Sprecher Günter Hinrichs, und fast die Hälfte der Gelder flossen in soziale Projekte in Schortens. Auch diesmal wolle man das Präventionsprojekt finanziell unterstützen. Mitstreiter Dieter Brandes-Herlemann sagt: „Wenn wir damit nur einen Missbrauch verhindern, dann hat es sich schon gelohnt.“
