SCHORTENS - Dass Mama und Papa in letzter Zeit viel weinen, macht auch den Kindern zu schaffen. Sie klammern sich ängstlich an ihre Eltern, weil sie spüren, dass ihre kleine heile Welt in Schortens aus den Fugen zu geraten droht, auch wenn Zemrana (3) und Bastijan (5) überhaupt noch nicht verstehen, warum.

Warum – das begreifen Bekim Ajrizi (31) und seine Frau Sabrijna Saciri (32) selber nicht. Sie sind kosovarische und serbische Roma-Angehörige, leben seit Kinder- und Jugendtagen in Deutschland, als ihre Eltern 1990 bzw. 1995 vor Krieg und Elend im früheren Jugoslawien flohen. Nach so vielen Jahren soll Familie Saciri in Kürze ins Kosovo abgeschoben werden. In ein Land, in dem ihnen Elend, Isolation und Verfolgung drohen. Die Ortsgruppe Varel von Amnesty International sowie Marc Schollmeier, Leiter des Schortenser Jugendzentrums, versuchen das mit einer Petition zu verhindern und setzen sich für ein dauerhaftes Bleiberecht für die junge Familie mit insgesamt sechs Kindern im Alter von drei bis 14 Jahren in Schortens ein.

„Alle Kinder der Familie Saciri sind hier geboren und zur Schule gegangen“, sagt Marc Schollmeier, „die Kinder haben keinerlei Bezug zum Herkunftsland ihrer Eltern, keines spricht die Sprache der Eltern.“ Alle Kinder seien im Gemeinwesen der Stadt Schortens integriert, besuchen hier die Schulen und nehmen am Vereinsleben teil.

Vor drei Jahren hat sich das Kosovo zu einem eigenständigen Staat erklärt, der ausdrücklich auch Minderheitenrechte anerkennt. Doch die albanische Mehrheit zeigt kaum Bereitschaft, friedlich mit ihren einstigen Nachbarn leben zu wollen. Und so droht den Saciris im Kosovo eine aussichtslose Lage, ein Leben in Armut und ohne gesundheitliche Versorgung. Nach Angaben von Amnesty und Flüchlingsrat seien die Roma dort ständiger Diskriminierung und auch rassistischen Angriffen ausgesetzt.

Umso unverständlicher sei laut Amnesty International, dass zwischen Deutschland und dem autonomen Kosovo eine „Rückübernahme-Vereinbarung“ existiert, die vorsieht, jährlich bis zu 2500 ehemalige Bewohner ins Kosovo zu bringen. Noch leben rund 10 000 Roma aus dem Kosovo in Deutschland in der ständigen Angst, abgeschoben zu werden.

Wie berichtete, hatte der friesländische Kreistag im Dezember 2010 eine Resolution verabschiedet, in der Niedersachsens Innenminister u. a. aufgefordert wird, den jetzt hier noch lebenden Roma ein dauerhaftes Bleiberecht zu gewähren. „Über ein solches Bleiberecht können nur der Bundesgesetzgeber und die Innenministerkonferenz entscheiden – nicht aber der Landkreis Friesland“, so Kreissprecher Sönke Klug. Es gebe zwar ein Gerichtsurteil – aber noch keinen Termin für die Rückführung. Eine Entscheidung über Einzelfälle könne die Härtefallkommuission des Landes Niedersachsen treffen.

Wieder schießen Bekim Ajrizi Tränen der Verzweiflung in die Augen. Mit Gelegenheitsjobs versuche er, seine Familie zu ernähren, Frau und Kindern ein bescheidenes Leben zu ermöglichen.

„Ich würde gerne mehr arbeiten, wenn ich nur dürfte“, sagt er. Er wolle niemandem auf der Tasche liegen, zu nichts sei er sich zu schade. Aber die Angst vor der Zukunft mache ihn krank.

Oliver Braun
Oliver Braun Redaktion Jever