Um diesen Artikel zu lesen, schließen Sie eines unserer Angebote ab oder loggen sich als Abonnent ein. Alle Inhalte auf NWZonline und in der NWZ-Nachrichten-App stehen Ihnen dann uneingeschränkt zur Verfügung.
Rudi Haug hielt einen Vortrag über Gehirnhälften in der Grundschule Heide. Er erklärt, warum „Matheschwäche“ häufig nichts anderes ist als Verunsicherung.
Von Gerret von NOrdheim
Frage:
Herr Haug, hat jeder Mensch eine dominante Gehirnhälfte?
Haug:
Die Dominanz einer Gehirnhälfte ist angeboren. Bei einem Menschen ist die linke, bei dem anderen die rechte dominanter. Damit hat jeder andere Verarbeitungsschwerpunkte – unsere Kultur ist jedoch zugeschnitten auf linkshirndominierte Menschen. Hier liegt das Problem.
Frage:
Also benachteiligt unsere Kultur Rechtshirndominante?
Haug:
So könnte man es sagen. Nehmen sie zum Beispiel das Lesen – wir lesen von links nach rechts. Die Rechtshirndominierten würden ihrer Veranlagung folgend lieber in die entgegengesetzte Richtung lesen. Deswegen spiegeln zum Beispiel manche rechtshirndominante Kinder Buchstaben, wenn sie das Schreiben lernen.
Frage:
Welche Folgen hat diese kulturelle Benachteiligung?
Haug:
Kinder, denen es wegen ihrer dominanten rechten Hirnhälfte schwerer fällt zu lernen, muss man Verständnis entgegenbringen. Wenn man dies nicht tut, kann eine Schreib- oder Rechenschwäche entstehen. Ein gespiegelter Buchstabe darf nicht gleich „falsch“ sein. Man muss in den ersten Monaten nicht gleich auf die „richtige“ Richtung bestehen. Der Lehrer muss erste Anzeichen bei den Schülern erkennen können und dementsprechend handeln.
Frage:
Was für Anzeichen gibt es neben dem Spiegeln?
Haug:
Ein Beispiel: Die Aufgabe 8 - X = 5. Der Linkshirndominante wird für das „X“ eine „3“ einsetzen, der Rechtshirndominante intuitiv eine „13“, weil 5 = 13 - 8. Beides ist korrekt, trotzdem begehen viele Kollegen den Fehler, den rechtshirndominanten Schüler zu tadeln. So entsteht kein Selbstbewusstsein, sondern von Anfang an Unsicherheit und in der Folge eventuell eine Matheschwäche.
Frage:
Was können Sie als Lehrer tun?
Haug:
Man muss die Kinder dort abholen, wo sie am Anfang stehen. Ich verteile am Anfang zum Beispiel Texte zum Lesen in zwei Varianten: normal und gespiegelt. Mit dem Ergebnis, dass mindestens ein Drittel der Schüler am Anfang den gespiegelten Text bevorzugen. So bekommen auch rechtshirndominierte Schüler das Gefühl, „ich kann das“, und blockieren nicht in der wichtigen Anfangsphase – mit diesem Bewusstsein fällt der Wechsel zur Normalrichtung später wesentlich leichter.
Frage:
Sie führen selbst Untersuchungen durch – was sind Ihre Ergebnisse?
Haug:
Bisher habe ich 180 Schüler mit Matheschwäche untersucht, nur einer von ihnen war linkshirndominiert.
Frage:
Ist dieser Unterschied denn heutzutage hinreichend bekannt?
Haug:
Nein, keineswegs. Ich halte Vorträge, wie den an der Grundschule Heide am Montagabend, um Lehrer und Eltern zu sensibilisieren. Meine Tochter macht derzeit ihr Referendariat – während ihres Lehramtsstudiums hat sie nichts von alldem gehört.