Ganderkesee - Jolina mag nicht mit Collin raufen, aber der Junge hält sie am Arm fest, lässt sie nicht gehen. Kein Problem für die Sechsjährige: Mit dem freien Arm schlägt Jolina die Daumen des Gleichaltrigen auseinander, windet sich aus dem Griff, schaut ihrem Gegenüber fest in die Augen und ruft ihm zu: „Stopp, ich möchte das nicht!“ Situation geklärt – ohne Gewalt und Streit.

Jolina und Collin aus der Klasse 1a der Grundschule Lange Straße kommen bestens miteinander aus – ihre Auseinandersetzung war nur gespielt, zu Trainingszwecken. „Sehr gut, alles richtig gemacht“, lobt Oliver Henneke, der das Rollenspiel aufmerksam beobachtet hat. Er ist Vorstandsmitglied des in Pulheim bei Köln ansässigen Vereins „Gewaltfrei lernen“, der seit 2007 an Schulen in ganz Deutschland Strategien zur Konfliktlösung vermittelt.

Schon im vergangenen Jahr war Henneke an der Langen Straße zu Gast, sämtliche Klassen absolvierten sein bewegungsintensives Sozialverhaltens-Training – mit großem Erfolg: „Wir stellen seitdem eine große Beruhigung in der Schülerschaft fest“, berichtet Schulleiterin Rita Wieneke. „Viele Auseinandersetzungen, die es früher gab, finden jetzt gar nicht mehr statt“. Und wenn doch, eskalieren sie nicht. Auch verbale Attacken und die Verwendung von „Fäkalsprache“ seien spürbar zurückgegangen, so Wieneke. „Die Kinder empören sich schon, wenn einer ein Schimpfwort verwendet.“

„Wir waren beim Sozialverhalten unserer Schüler schon auf einem hohen Niveau“, ergänzt Lehrerin Astrid Pape-Westermann, die Projekt-Verantwortliche der Schule, „aber jetzt ist es noch besser geworden.“ Das Besondere am Projekt „Gewaltfrei lernen“ sei die Nachhaltigkeit, erklärt Oliver Henneke: „Wir binden alle am Bildungsprozess Beteiligten ein.“ Also auch die Lehrer, die das Erlernte regelmäßig im Unterricht vertiefen, und die Eltern, die bei einem Informationsabend mit dem Konzept vertraut gemacht wurden.

„Wir müssen die Eltern mit ins Boot holen“, betont Henneke. Manche würden mit falschen Ratschlägen an ihre Kinder wie „Wehr Dich doch“ dazu beitragen, dass sich Konflikte verschärfen. „Die Kinder sollen sich ja wehren“, ergänzt Pape-Westermann, „aber auf eine deeskalierende Art“. Im Mittelpunkt steht dabei die Stopp-Strategie in drei Schritten: körperliche Befreiung aus der Lage, fester Blick zum Aggressor und die klare Ansage „Ich möchte das nicht!“ Wenn das nicht hilft, wird der Kontakt zu den Lehrern gesucht, die für solche Situationen Regeln aufgestellt haben, die jeder kennt und akzeptiert.

Eine Woche Training kostet die Schule 3200 Euro, wovon die Stiftung der Sparda-Bank (Hannover) 50 Prozent fördert. Die Eltern zahlen 7,50 Euro pro Kind oder 3 Euro bei der Nachschulung. Ihren Kindern erkaufen sie damit Unbezahlbares: Selbstbewusstsein und Zivilcourage.