Diese NWZ -Serie porträtiert Menschen aus Hude, die den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt haben.

2006 hat sich der Huder selbständig gemacht. In seinen Kursen ist immer für viel Trubel gesorgt.

Von Christian Schwarz

HUDE - Es ist, als ob ein Sturm losbricht. Mit einem Mal springen die sieben Kinder von ihren kleinen Teppichen auf, werfen sich auf die Matten, klettern die Wand hoch und schaukeln am Seil. „Halt, halt, halt, noch einmal alle zurück“, unterbricht Thorsten Vogelsang das Treiben, „erst müssen die Teppiche auf einen Stapel gelegt werden!“ Brav trotten die Kinder zurück, legen ihre Teppiche ordentlich aufeinander – und schon ist wieder Getöse angesagt. So laufen die Kurse des Diplom-Sportlehrers immer ab – viel Bewegung und viel Durcheinander, aber alles mit festen Regeln.

Der 40 Jahre alte Huder hatte sich im vergangenen Jahr selbständig gemacht und bietet seitdem Kurse unter dem Motto „Regenbogen Bewegung“ an. In den einstündigen Veranstaltungen sollen Kinder, vor allem im Alter von vier bis sechs Jahren, sich bewegen, ihre Kreativität entdecken und entfalten sowie im Endeffekt ihre Persönlichkeit stärken. „Ich will die Kinder ermutigen“, sagt Vogelsang, „sie sollen spüren, was sie können und es ausprobieren.“ Um auf jedes Kind individuell eingehen zu können, hat er die Kursgröße auf sieben Kinder begrenzt.

Was sie in den 60 Minuten nicht dürfen, wird vorher gemeinsam besprochen: „Nicht treten, nicht kneifen, nicht an den Haaren ziehen“ – das haben die Kinder verinnerlicht. Dann darf getobt, geturnt, geschaukelt und gerutscht werden. Und wenn zwei dasselbe wollen? Dann tritt Vogelsang auf den Plan und klärt die Situation mit den Kindern: „Einmal kannst du noch schaukeln, dann ist Silas dran.“

Auch den Umgang mit anderen sollen die Kinder hier lernen. „Neulich hat mir eine Mutter erzählt, sie wolle, dass ihr Kind lerne, ,Nein‘ zu sagen.“ Dann achtet der 40-Jährige besonders in Situationen, in denen sich das Kind „unterbuttern“ zu lassen scheint, darauf, ihm Selbstbewusstsein zu vermitteln, indem er ihm zeigt, dass es sich auch durchsetzen kann.

Die Arbeit mit den Mädchen und Jungen macht Vogelsang viel Spaß. Schon während des Studiums an der Deutschen Sporthochschule in Köln hat er sich auf die Arbeit mit Kindern spezialisiert. Anschließend war er als Bewegungs- und Sporttherapeut in einer Kinderkurklinik in Soest angestellt. Sein jetziges Programm sei aber keine Therapie, betont er. „Mein Angebot soll vorbeugen. Ich versuche, die Stärken der Kinder auszubauen und durch die Bewegung ihre Persönlichkeit zu stärken.“

Als vorbeugende Maßnahme sind die Kurse für Kinder bis zwölf Jahre von fast allen Krankenkassen anerkannt und werden finanziell unterstützt, zum Teil auch komplett bezahlt. Kurse für ältere Kinder plant Vogelsang bereits. Nach den zehn Terminen spricht er mit den Eltern und erzählt ihnen, wie sich ihr Kind ohne sie verhält, gibt Tipps und Hinweise im Bezug auf dessen Entwicklung.

Vogelsang gibt den Kindern Freiräume, sich zu bewegen. Sie sollen Grenzen kennen lernen, zwischenmenschliche Prozesse erfahren und lernen, selbst zu entscheiden, was sie können und gerade wollen. Mittendrin steht Thorsten Vogelsang selbst. Er spielt mit, beobachtet und greift ein, wenn es nötig ist. Wenn die beiden Marlons zum Beispiel ankündigen, von der Kletterwand auf die Matte zu springen. Oder wenn die Laufbahn zweier Kinder direkt durch Silas’ Schaukelbahn verläuft. Beim üblichen Sturm eben.