Nordenham - Ausgerechnet Schüler halten nichts von den Plänen der neuen rot-grünen Landesregierung. Die Koalition will das Sitzenbleiben an Schulen der Sekundarstufe I abschaffen (die NWZ berichtete).
Zwölftklässler Maximilian Gallasch nennt dieses Vorhaben „totalen Blödsinn“. Der 19-jährige Gymnasiast: „Sitzenbleiben ist nicht schlimm. Ich habe sogar einmal freiwillig wiederholt. Es war wie ein Neubeginn.“ Seine Mitschüler sehen die Pläne der Politik überraschenderweise ähnlich kritisch.
Schulleiter übt Kritik
Die NWZ fragte Nordenhamer Schulleiter nach ihrer Meinung zu dem Vorstoß. Klaus-Dieter Laske (Gymnasium) schließt sich der Kritik an. „Wenn ein Schüler große Defizite in zwei Fächern oder mehr hat, kann er diese nicht im neuen Schuljahr aufarbeiten.“
Mehr Förderung von schwachen Schülern sei sinnvoll, könne aber nur mit mehr Lehrerstunden geleistet werden. „Die Kollegen schieben jetzt schon Überstundenberge vor sich her“, sagt Klaus-Dieter Laske.
2011 drehten landesweit 14 000 Schüler in der Sekundarstufe I (Haupt-, Realschule, Gymnasium) eine Ehrenrunde. Ein Anteil von drei Prozent. Christian Schöckel, Leiter der Hauptschule Abbehausen, ist für mehr Flexibilität. Aus seiner Sicht wäre es sinnvoll, die Regelungen in der Versetzungsverordnung anzupassen. „Wichtig ist eine starke sozialpädagogische Unterstützung“, betont der Schulleiter. „Das Wichtigste ist und bleibt aber die Ursachenforschung“, fügt er hinzu. Die Leiterin der Oberschule, Heidrun Beck, nennt das Vorhaben der Politik einen „Spagat“. Ohne eine bessere Lehrerversorgung sei dies nicht umzusetzen.
Ihr Kollege von der Luisenhofschule, Wilfried Batschat, geht davon aus, dass 30 bis 40 Prozent der Wiederholer nicht erfolgreich sind. „Einige Schüler parken in einer Jahrgangsstufe, um dann eine andere Schule zu besuchen oder eine Ausbildung zu beginnen“, so der Pädagoge. Wenn Schüler betreut werden, können sie oft Defizite wieder ausgleichen. Das gehe nur mit Zusatzstunden. „Damit sind mitunter geniale Erfolge zu erzielen“, sagt Wilfried Batschat. Im Kopf des Schülers müsse sich „ein Schalter umlegen“.
Zwangsrückstufungen wegen schlechter Noten sind aus Sicht des Philologenverbandes Niedersachsen ein sinnvolles Instrument, um Mädchen und Jungen wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Der Landesvorsitzende Horst Audritz nennt die Pläne zur Abschaffung „leistungs- und schülerfeindlich.“ Die Gymnasiallehrer befürchten eine Senkung des allgemeinen Schulniveaus. „Sitzenbleiben bietet die Chance, Versäumtes nachzuholen“, heißt es selbst aus dem Kultusministerium.
Nur wenige wiederholen
In der Grundschule ist das Sitzenbleiben kein großes Thema. Rosemarie Heidenreich, Leiterin der Grundschule Einswarden, sagt: „Nur wenige Kinder müssen wiederholen“. In der ersten Klasse gebe es die Wiederholung ohnehin nicht.
Ina Korter, bildungspolitische Sprecherin der Grünen im Landtag, betont, es sei keine komplette Abschaffung des Sitzenbleibens geplant. „Wir wollen es durch bessere Förderungen überflüssig machen.“
