Steinhausen - Professor Dr. Annelie Keil (Bremen) gehört zu den beliebtesten Referentinnen beim Gesprächskreis für gesunde Ernährung und Lebensführung in Bockhorn (GELB), und warum, das zeigte sie jetzt wieder mit ihrem Vortrag in der „Altdeutschen Diele“ in Steinhausen. Humorvoll und warmherzig, eingespannt in große Lebensklugheit, schuf Annelie Keil eine besondere Atmosphäre, der sich kaum jemand entziehen konnte. „Wenn das Leben um Hilfe ruft“ ist der Titel ihres neuen Buches und des Beitrages. Das Werk ist in Bockhorn in Müllers Buch- und Papierladen, Lange Straße, zu haben.
Es geht um Angehörige zwischen Hingabe, Pflichtgefühl und Verzweiflung, um Hilfe und darum, sich helfen zu lassen. Und zwar nicht nur im Fall von Krankheit und Sterben, sondern immer und zu jeder Zeit. Denn, das ist die erste Kernaussage von Annelie Keil: „Wir sind Angehörige unseres Lebens. Den Spruch ,Ich will niemandem zur Last fallen’ können Sie vergessen. Wir sind lästig, immer schon, das fängt mit der Geburt an. Wir kommen als Pflegefälle zur Welt.“
Angehörig sein ist die Grundexistenz allen Lebens. Plötzlich Teil einer Familie mit zwei sich selbst wildfremden Menschen, die sich entschieden haben, uns zu zeugen. Teil der großen Menschenfamilie, Teil einer kommunalen Gemeinde. Daher kommt Solidarität und Empathie: „Mitmenschlichkeit entsteht, weil wir zugehörig zur Welt sind. Da, wo ich Hilfe brauche, brauchen auch andere Hilfe.“ Eigentlich Selbstverständlichkeiten, die aber oft genug vergessen werden.
Wir kommen auch ungefragt in eine bestimmte Zeitgeschichte hinein, in der die Geburtsurkunde der wichtigste Ausweis ist, um als Mensch gelten zu können. Angehörig sein heißt auch, immer angewiesen zu sein auf andere: „Alleine geht es nicht“, betonte Annelie Keil. Das hat Konsequenzen für das Privatleben: „Über ungelöste Familienkonflikte nicht zu reden, macht sich nicht bezahlt. Sie kommen ständig wieder hoch.“ Partner- und Ehegemeinschaften sind lebenslange Aufgaben, in denen wir uns oft erst wirklich kennenlernen, wenn wir alt werden.
Angehörigkeit bedeutet aber auch, abhängig von anderen zu werden, sie raubt uns unsere Autonomie, wir neigen dann zur Aggressivität. Menschen helfen zudem oft nicht liebend, sondern kontrollierend und besitzheischend. Immerhin: 80 Prozent der Pflege in Deutschland wird von Angehörigen geleistet. Dass jeder in Würde alt werden kann, ist eine der größten und wichtigsten Aufgaben dieser Gesellschaft. Annelie Keil zitierte zum Schluss ihren Guru, wie sie sagte, Albert Schweitzer: „Wir brauchen eine neue Haltung, Ehrfurcht vor allem zu haben, was mit uns lebt.“
