Osternburg - Für die Kunst braucht’s keine Worte: Da sind die Farben, dort die selbst geformten Kunstwerke aus Ton – beides muss zusammengebracht werden. Das ist den jungen Gästen aus Weißrussland klar. Deshalb sind sie ja in die Oldenburger Kunstschule an der Alteneschstraße 30 gekommen. Vor einer Woche haben sie hier unter Anleitung von Hannelore Hartig-Kosanke aus Ton Schalen, Figuren und Namensschilder geformt. Jetzt sollen die Unikate glasiert werden.

Die Kinder und Jugendlichen im Alter von acht bis 14 Jahren sind für vier Wochen zur Erholung in Oldenburg. Am Sonntag reisen sie ab. Ermöglicht wird ihnen dieser Urlaub mit Hilfe der Tschernobyl-Kinderhilfe. „Die Kinder kommen aus der immer noch stark verstrahlten Gegend “, sagt Vereinsvorsitzende Ingrid Meyer. 31 Jahre ist die Katastrophe im Kernkraftwerk Tschernobyl (Ukraine) nun her, bei der auch Teile des benachbarten Weißrusslands verseucht wurden. „Die Spätfolgen sind noch zu spüren“, weiß Meyer. Für die Kinder aus dieser Region sei es deshalb wichtig, ihr angeschlagenes Immunsystem zu stärken.

Seit 1993 kommen alljährlich Gruppen aus Weißrussland zur Erholung nach Oldenburg. Ingrid Meyer und ihr Mann Gerold haben gerade sechs Kinder bei sich aufgenommen. Henny und Jürgen Willers sind zurzeit Gasteltern von drei Teenagern, die sie auch zur Kunstschule begleitet haben. „Sie sind alle 13 Jahre alt. Wir verstehen uns gut, auch wenn wir unterschiedliche Sprachen sprechen“, sagt Jürgen Willers. „Unsere eigenen Kinder und Enkel sind schon groß. Wir haben Zeit, und es macht uns Spaß“, erklärt Henny Willers ihre Intention, sich für die Oldenburger Tschernobyl-Kinderhilfe zu engagieren.

Hannelore Hartig-Kosanke, die in der Kunstschule Kursleiterin im Keramik-Bereich ist, wurde hellhörig, als sie mitbekam, dass ihre Nachbarn Gasteltern von Kindern aus Weißrussland sind. Und so entstand die Idee, den Erholungsurlaub durch einen Programmpunkt zu erweitern: Töpfern in der Kunstschule. „Ton fordert Kinder auf, etwas damit zu tun“, weiß die Fachfrau. Dabei spiele die Nationalität keine Rolle. „Diese Kinder sind mit Begeisterung dabei und sehr interessiert. Obwohl ich nicht ihre Sprache spreche“, sagt Hannelore Hartig-Kosanke.

Aber sie hat ja Ilya Alexandrow an der Seite. Er ist, wie schon im vergangenen Jahr, als Betreuer mitgereist. Er hat in Minsk Deutsch studiert, arbeitet in seiner Heimat als Deutschlehrer und fungiert nun hier als Übersetzer. „Sucht Euch eine Farbe aus. Ihr müsst Eure Tonarbeiten zweimal anstreichen“, sagt die Keramiklehrerin während sie mit dem trockenen Pinsel demonstriert, wie’s geht. Ilya Alexandrow übersetzt.

Die jungen Künstler machen sich ans Werk. Sehr konzertiert, es wird nur wenig geschwatzt. Ingrid Meyer freut sich, dass die Kinder so interessiert sind. „Und sie haben schöne Mitbringsel für zu Hause.“ Besonderes Augenmerk legt Ilya Alexandrow auf einen kleinen blonden Jungen. „Ich habe meinen Sohn Iwan mitgenommen“, erzählt der Lehrer. Dem Siebenjährigen gefalle es in Oldenburg sehr gut. Er habe auch schon Anschluss gefunden. „Zu zwei Mädchen in der Nachbarschaft. Mit denen spielt er Fußball“, sagt der Vater, der seinem Sohn zwecks Verständigung eine Liste mit „wichtigen“ deutschen Sätzen gegeben hat, zum Beispiel: „Wollen wir Ball spielen?“ Obwohl: Dafür braucht’s doch auch keine Worte.

Susanne Gloger
Susanne Gloger Redaktion Oldenburg