VAREL - Als Anna-Sophie Köster aus Varel den Brief des Jade-Gymnasiums las, traf es sie wie ein Schlag. Fest hatte sie damit gerechnet, dort ebenso wie ihre beiden Freunde in die fünfte Klasse aufgenommen zu werden, hatte sie doch auch eine Gymnasial-Empfehlung und denselben Notendurchschnitt. Aber die Zehnjährige wurde abgelehnt mit der Begründung, dass „die Schule nicht im geeignetem Maße auf ihre besonderen Bedürfnisse“ eingehen könne. Anna-Sophie leidet seit ihrer Geburt an einem so genannten „unklaren Fehlbildungssyndrom“. Sie ist sehbehindert, hat Laufschwierigkeiten und Probleme mit der Motorik.
Grundschule mit Bravour
Ihre Mutter Carmen Köster kann die Ablehnung nicht verstehen, hat ihre Tochter doch die Grundschule mit Bravour gemeistert und hätte auch am Jade-Gymnasium wie in der Grundschule eine Integrationshelferin an ihrer Seite, die sich ausschließlich um sie kümmert, ihr beispielsweise den Ranzen trägt und mit ihr zur Toilette geht. Die Eltern hatten sich fürs Jade-Gymnasium entschieden, weil auch Anna-Sophies Freundinnen dorthin gehen und weil die Schule nicht so groß ist.
DieNWZ
hat beim Jade-Gymnasium nach den Gründen für die Ablehnung gefragt. „Uns fehlen die Voraussetzungen, die Integrationsschulen bieten“, so Schulleiter Günter Mertins. „Wir sehen uns als Schule nicht in der Lage, das Kind positiv zu betreuen“, begründete er die Ablehnung, die der Aufnahmeausschuss des Jade-Gymnasiums beschlossen hat. Die Gebäude des Jade-Gymnasiums lägen weit auseinander, die Fachräume seien im zweiten Stock untergebracht. „Wenn wir einen Aufzug hätten oder alle Gebäude ebenerdig wären, wäre das kein Problem“, so der Schulleiter weiter, „aber bei einem Schulbetrieb mit 900 Kindern und dieser Gebäudekonstellation sind uns Grenzen gesetzt“.Er geht davon aus, dass der Integrationshelfer nicht ständig vor Ort wäre, um dem Mädchen zu helfen. „Für die Grundschullehrerin war es sicherlich möglich, Sachen für Anna-Sophie aus dem Ranzen zu holen, in einer Schule mit 30 Kindern pro Klasse ist das nicht machbar.“ Generell nehme das Jade-Gymnasium Kinder mit Behinderungen auf, so seien beispielsweise Kinder mit offenem Rücken, Kleinwüchsigkeit oder einer Sehbehinderung aufgenommen worden, aber in diesem Einzelfall sei die Aufnahme nicht möglich gewesen.
„Für uns ist diese Ablehnung unerklärlich, weil Anna-Sophie nach Rücksprache mit Behindertenbeauftragten, Studium der Gesetzeslage und gesundem Menschenverstand keinerlei Ausgrenzung erfahren dürfte“, so Carmen Köster.
In Zetel eingeschult
Die Familie hat sich jetzt für die Außenstelle des Lothar-Meyer-Gymnasiums in Zetel entschieden. „Anna-Sophie hat nach Verwinden der Enttäuschung ihren Platz gefunden“, berichtet Carmen Köster, „sie wird an einem anderen Gymnasium willkommen geheißen, an dem man ihr die Möglichkeit gibt, ihre geistigen Fähigkeiten auszubauen und irgendwann ein selbstbestimmtes Leben zu führen.“
