Nordenham - Hochspannung in der Grundschule Nord: 19 Viertklässler und ein großer Junge stehen unter Strom. Auf den Pulten blinkt, surrt und rattert es.

An diesem Montagmorgen steht Sachkunde auf dem Stundenplan. Thema Technik – der Stromkreis. Es gibt Spannenderes: Computerspiele, Fußball oder Shopping. Wäre da nicht Harry: Wie ein Duracell-Hase springt der 59-Jährige durch die Klasse. Einmal die Woche hat Harry Barwich seine Nachwuchswissenschaftler besucht – heute will er das Projekt abschließen. Leider. „Wochenlang, monatelang habe ich überlegt und getüftelt“, sagt der Rentner. Im heimischen Wohnzimmer hat er Schaltbretter gebastelt: Drähte und Lämpchen, Batterien und Schalter zusammengeschraubt.

Ein bisschen theoretische Grundlagen hat er den Abc-Schützen auch beigebracht – schließlich sollten ja nicht nur die angeschlossenen Glühlämpchen erhellen. „Ich musste erstmal 50 Jahre rückwärts denken und alles kindgerecht gestalten“, sagt Harry Barwich. Schwer ist dem pensionierten Maschinenbauer und Elektriker das nicht gefallen: „So bin ich auch mal angefangen mit neun Jahren“, sagt er und fummelt begeistert eine Minilampe ins Gewinde. Es blinkt. „Alles ohne Steckdose“, schwärmt der große Junge. Die Neunjährigen um sich herum hat er auf jeden Fall anstecken können. Denn Harry Barwich hat einen Draht zu Kindern: Im Mehrgenerationenhaus, gegenüber der Grundschule an der Viktoriastraße 13, baut er mit technikbegeistertem Nachwuchs in der Werkstatt der Waschküche laufende Roboter, Ufos und Uhren.

Dauergast Max ist inzwischen zum Fachmann avanciert – „mein Spezi“, sagt der Rentner und strahlt den Zehnjährigen an. Die Vorliebe für Technik scheint dem Viertklässler in den Genen zu liegen: „Mama arbeitet bei der EWE“, sagt er. Ömer schraubt mit seinem Papa lieber an alten Fernsehgeräten herum und repariert Fahrräder. Spaß hätte das Projekt sogar den Mädchen gemacht, sagt Klassenlehrerin Ute Francksen – und findet selbst, dass das doof klingt. Selbst habe sie auf jeden Fall eine Menge dazugelernt.

Auch bei Lana, die sonst lieber Klamotten anguckt oder mit Freundinnen telefoniert, ist der Funke übergesprungen. „Obwohl das Ding nicht fährt“, sagt die Neunjährige und legt ein paar Schalter am verkabelten Brett um. Der Motor dreht sich trotzdem.

Auf der Leitung steht nach dem Unterricht mit dem Gastdozenten zumindest keiner mehr: Den Test, mit dem die Kinder zum Projektende beweisen mussten, wie viel Draht sie zum Stromkreislauf haben, konnten alle gut bewältigen – auch ohne Harrys Hilfe. Es sei denn, der 59-jährige Tüftler hat den Grundschülern die richtigen Antworten per elektromagnetischer Spannung rübergebeamt. Möglich ist alles – mit dem richtigen Wissen.