Wardenburg/Sandkrug - Jugendliche sitzen nur noch vor dem Computer, sie haben keine Lust mehr, eine handwerkliche Ausbildung zu machen? Stimmt nicht – oder zumindest nicht für alle. Als Zweiradmechatroniker/Fachrichtung Fahrradtechnik ist noch immer überwiegend reine handwerkliche Arbeit gefragt. Und genau das ist es, was der Wardenburger Kevin Köster so an diesem Beruf mag. „Zwei linke Hände darf man hier nicht haben“, lacht der 20-Jährige, der gerade seine Ausbildung abgeschlossen und am heutigen Freitag seinen ersten Arbeitstag als Geselle in seinem bisherigen Lehrbetrieb hat.
Im Vordergrund steht immer noch das rein handwerkliche Geschick. Die Ausbildung, erzählt Kevin Köster, sei jedoch mittlerweile sehr vielfältig. Materialkunde gehöre ebenso dazu wie beispielsweise ein zweiwöchiger Elektroniklehrgang. Wie geht man bei der Reparatur mit Leichtbaumaterialien wie Karbon um, wie werden Schaltkreise durchgemessen, wie läuft eine optimale Kundenberatung? All das sind Inhalte der Lehre.
Hightech-Sporträder
Sowohl Hightech-Sporträder als auch der Trend zum E-Bike haben zudem in den vergangenen Jahren neue Akzente in diesem Bereich gesetzt. „So einfach, wie viele denken, ist dieser Lehrberuf nicht“, ist die Erfahrung des Jung-Gesellen. Er sei im Rückblick froh, nach dem Hauptschulabschluss noch die zehnte Klasse angeschlossen zu haben. „Dadurch hatte ich in einigen Bereichen eine bessere Basis.“
Schon als Junge lernte Kevin Köster von seinem Vater, wie einfache Fahrradreparaturen bewerkstelligt werden können. „Meine Familie war immer viel mit dem Rad unterwegs, da gehört es einfach dazu, selbst einen Schlauch zu wechseln und andere leichtere Reparaturen machen zu können“, erzählt er. Schon früh habe er sich vorstellen können, hier auch beruflich einzusteigen, sagt Kevin Köster, der auch seine Freizeit den Drahteseln widmet: Er ist passionierter Mountainbikefahrer, macht Kunststücke mit dem Dirtbike auf der BMX-Bahn und hat neuerdings zudem seine Leidenschaft fürs Rennradfahren entdeckt.
Nachdem er einen „Zukunftstag“ zur Berufsorientierung bei Zweirad-Beeken in Wardenburg und wenig später das schulische Berufspraktikum ebenfalls in dieser Branche absolviert hatte, stand für ihn eindeutig fest: Das ist (m)ein Traumjob. Längere Zeit jobbte er in einer Fahrradwerkstatt und sah seinen Berufswunsch erneut bestätigt. Und so fragte er nach einer Mountainbike-Tour in Sandkrug kurzentschlossen in der dortigen Fietsendiele an, ob ein Ausbildungsplatz frei sei. Wenig später hatte er den Lehrvertrag in der Tasche.
Über Nachwuchssorgen kann sein Chef Jens Brailow (noch) nicht klagen. „Bisher sind mir die Auszubildenden sozusagen ,zugelaufen’“ lacht der Inhaber der Fietsendiele. „Das ist auch gut so – mir ist das persönliche Auftreten viel wichtiger als Zeugnisse.“
Schwer für kleine Firmen
Langfristig aber, ist er überzeugt, werden es die Handwerksbetriebe immer schwerer haben, gegen die Industrie um junge Arbeitskräfte zu konkurrieren. „Sechs Wochen bezahlter Urlaub, 35-Stunden-Woche, höhere Stundenlöhne – da können die kleinen Firmen nicht mithalten“, befürchtet Brailow. „Man muss schon Enthusiast sein, um sich für einen kleinen Betrieb zu entscheiden.“ Der Vorteil allerdings: Häufig ist der Aufgabenbereich breiter gefächert. Und so hofft Jens Brailow, dass ihm auch im kommenden Sommer wieder ein Azubi „zuläuft“. Dann hätte er nämlich wieder einen Ausbildungsplatz frei.
