Westerstede - Das Navi weist den Weg zur Tankstelle, eine App kann Aussagen über den Gefühlszustand des Gegenübers treffen – selbst auf dem Klo können wir chatten. „Bedarf es da noch einer dezidierten Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Themen?“, fragte der Schulleiter der Europaschule Westerstede, Henning Kratsch, am Freitagvormittag in die gut gefüllte Aula. Er fügte an: „Eine Welt, in der wir uns auf vorgefertigte Meinungen verlassen, ist zu klein. Es geht darum, dass junge Menschen zu kritischen Mitdenkern werden – nicht zu Sklaven von Google und Co.“
Kratsch sprach beim zweiten Wissenschaftsforum unter der Schirmherrschaft des niedersächsischen Ministers für Wissenschaft und Kultur, Björn Thümler. Nach Grußworten schloss sich eine Podiumsdiskussion zum Thema „Bildung als tragende Säule der Wissensgesellschaft in Zeiten der Digitalisierung“ an. Neben Thümler, Kratsch und der allgemeinen Vertreterin des Bürgermeisters, Hilke Hinrichs, saßen Marion Rövekamp vom Vorstand der EWE AG, Dr. Matthias Burchardt von der Uni Köln sowie Prof. Dr. Barbara Moschner von der Uni Oldenburg auf dem Podium.
Eine Minute pro Antwort
Beim Thema Digitalisierung waren sie sich zumindest in einem Punkt einig: Es braucht viel Wissen, um bei all der Datenflut einen Überblick zu behalten – und es braucht kritische Urteilsfähigkeit über mögliche „Fake News“. Die Moderation der Veranstaltung hatten die Elftklässler Charlotte Hannack und Jan Krüger übernommen, die knallhart auf die Redezeit der Teilnehmer achteten. Genau eine Minute pro Antwort – sonst begann das Licht der Aula hektisch zu flackern.
Die größte Herausforderung der Digitalisierung? „Die Möglichkeiten, die sie bietet, zu verknüpfen mit dem menschlichen Selbst. Sonst geht verloren, was ich als Kultur begreife“, machte Minister Thümler deutlich. Zur Verbreitung von Nachrichten im Internet und dem Schüren von Ängsten zog er das Beispiel Corona heran: „Das Virus ist schlimm. Aber wir sollten keine Panik verbreiten und uns vor Augen führen, dass bei der letzten Grippewelle in Deutschland 25 000 Menschen gestorben sind. Da gab es weder Hamsterkäufe noch abgeriegelte Arztpraxen.“
Er plädiere dafür, Debatten auf vernünftigem Wege zu führen und zu „erden“. Schüler müssten Fähigkeiten erwerben, um vertrauenswürdige Quellen von Fake News zu unterscheiden, und halte es für schwierig, wenn Wissenschaftler für politische Zwecke herangezogen würden. „Wissenschaft ist streng apolitisch.“ Beipflichten konnte da auch Burchardt, der sich deshalb von der Politik wünschte, „einiges wieder auszubügeln“. „Unsere Generation schuldet Schülern mehr“, bezog er Stellung. Thümler forderte auch, dass mehr Grundlagenforschung betrieben wird. „Wir müssen die Leute auch mal machen lassen.“ Das sorgte für Gänsehaut bei Burchardt, der sich für die Aussage bedankte.
Experten-Vernetzung
Dass Digitalisierung Bildung unterstützen kann, legte Moschner dar: „Die Vernetzung zwischen Experten wird vereinfacht. Somit ist ein tiefes Einsteigen in die Materie möglich.“ Dafür seien laut Rövekamp auch Interesse, Neugier und Spaß wichtige Voraussetzungen, „ganz analog“. Das sah auch Hilke Hinrichs so: „Schule muss sich mit entwickeln. Aber sie muss auch unabhängig von der Digitalisierung arbeiten können.“ Das Wissenschaftsforum bietet Schülern die Möglichkeit, an wissenschaftlichen, sozialen, kulturellen und politischen Institutionen Forschungspraktika zu absolvieren, etwa am Kunsthistorischen Institut in Florenz oder dem EU-Parlament in Brüssel. Verantwortlich sind seit 2019 die Lehrer Dr. Daniel Osewold und Michael Timpe.
