Westerstede - Städtebau im Zeitraffer – wie’s geht, konnten Passanten am Montag auf dem Marktplatz vor dem Rathaus beobachten. Innerhalb kürzester Zeit standen weiße Zelte, wurden Tische, Bänke und vieles mehr aufgebaut. Aus gutem Grund: Am Mittwoch, 31. Juli, bekommen die Kinder das Kommando, denn dann steht die nächste Auflage von Kinderstede auf dem Programm.

Inmitten des Vorbereitungsgeschehens schwirrte Jugendpflegerin Sigrid Exner umher. Sie hat quasi den Hut in Sachen Organisation auf, zumindest teilweise. Denn die Kinder, genauer gesagt insbesondere der Kinderrat der Stadt entscheidet natürlich viel mit. „Es ist so wunderbar, wie sich die Kinder und Jugendlichen engagieren. Davon träumen andere Städte“, schwärmt die Jugendpflegerin.

Kinderstede – initiiert im Rahmen der Ferienpassaktion – richtet sich an Jungen und Mädchen im Alter von neun bis 13 Jahren. Von Mittwoch bis Sonntag leben sie in der kleinen Alternativstadt – nach ihren eigenen Regeln. Sie gehen einem Job nach, zahlen in eigener Währung und können sich zwischen verschiedenen Freizeitaktivitäten entscheiden. Rund 100 Anmeldungen liegen vor, hinzu kommen sogenannte Tagespasskinder, weiß Sigrid Exner zu berichten. Damit ist das Limit der Bevölkerungsgrenze von Kinderstede auch erreicht. „Es wird proppenvoll.“

Mit im Orga-Team ist auch Eike Neumann, die ehrenamtlich mit anpackt – seit Jahren. „Es macht viel Spaß“, sagt sie, die Begeisterung der Kinder sei mitreißend. Denen wird übrigens auch eine Menge geboten. Es gibt ein Einwohnermeldeamt, eine Post, einen Friseur oder auch ein Arbeitsamt, Polizei, Bauhof und vieles mehr. Dort arbeiten die Kinder, verdienen ihr Geld, führen einen Teil ans Finanzamt ab und geben es ansonsten für unterhaltsame Aktivitäten aus.

Neu im Angebot ist in diesem Jahr ein Kunst-Atelier. Die Idee dazu hatten sich Sigrid Exner und Eike Neumann vor einem Jahr beim Besuch einer Kinderstadt in Minden abgeschaut. Doch nicht nur die Erwachsenen steuern Ideen bei, auch die Kinder. Dazu zählt beispielsweise das Schwerpunktthema Bewegung. So wird es dieses Jahr ein „Freizeitstudio“ geben, in dem verschiedene Disziplinen absolviert werden können – „aber so, dass es auch jeder schafft“, weiß Sigrid Exner. Deshalb solle der Bereich auch nicht Fitnessstudio heißen. Die Kinder hätten ganz bewusst entschieden, dass Jungen und Mädchen animiert werden sollten, sich mehr sportlich zu betätigen. Gleichzeitig solle sich niemand ausgeschlossen fühlen, nur weil es an Fitness fehlt. Die Organisation und den Aufbau übernehmen die Jungen und Mädchen selbst.

Das Prinzip Kinderstede ist im Grunde ansonsten leicht zu erklären: Die Jungen und Mädchen kommen an, lassen sich im Einwohnermeldeamt registrieren, im Bürgerhaus gibt es dann einen Ausweis, eine Toilettenkarte und Begrüßungsgeld. Letzteres besteht aus Rohdos (Scheine) oder Mini- Rohdos (Münzen). Die eigenwillige Schreibweise ist dabei ganz bewusst gewählt.

Ist das Organisatorische erledigt, können die Neun- bis 13-Jährigen alles ganz in Ruhe anschauen, sich einen Job aussuchen oder einfach erst einmal einer Freizeitbeschäftigung nachgehen. Während der Zeit wird zudem ein neuer Bürgermeister gewählt, und Neuigkeiten aus der Stadt gibt es auch, das sogar täglich.

Anuschka Kramer
Anuschka Kramer Team Nord